Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 410 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Julius Guttmann Maimonides bestreitet den Ausgangspunkt dieser ganzen Theorie, die Gleichsetzung von Vorstellbarkeit und Möglichkeit. Er hält ihr entgegen, daß die Vorstellbarkeit oder Unvorstellbarkeit eines Dinges von der Einbildungskraft abhänge und daß die Gleichsetzung von Vorstellbarkeit und Möglichkeit somit die Einbildungskraft zum Maßstabe für die Möglichkeit der Dinge mache. Wenn der Kalam sage, von seiten des Verstandes sei es auch möglich, daß die Dinge eine ganz andere Beschaffenheit hätten als die ihnen tatsächlich eigene, so werde hier aus der Möglichkeit für die Einbildungskraft unzulässigerweise eine solche für den Verstand gemacht3. Maimonides fügt hinzu, daß der Kalam alles Vorstellbare für möglich halte, gleichviel, ob die Wirklichkeit mit ihm übereinstimme oder nicht. Dieses Moment ist ihm so wichtig, daß er in der Einleitung zu dem betreffenden Kapitel des More das Möglichkeitsprinzip des Kalam dahin formuliert, ,,daß dasMögliehe nicht auf Grund der Übereinstimmung mit diesem Begriffe beurteilt werden darf“4. Diese letzte Wendung des Gedankens führt darin über die erste hinaus, daß sie das eigene Möglichkeitskriterium des Maimonides erkennen läßt. An Stelle der Vorstell־ barkeit setzt er die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit und sieht in diesem Kriterium ein Kriterium des Verstandes und nicht der Einbildungskraft. Übereinstimmung mit der Wirklichkeit aber kann in diesem Zusammenhänge nur heißen, Übereinstimmung mit der gesetzlichen Ordnung der Wirklichkeit. Nicht das, was im einzelnen Falle wirklich ist, sondern das, was der gesetzmäßigen Verfassung der Wirklichkeit entspricht, ist möglich. Das wird aus der näheren Ausführung des Gedankens, die Maimonides in die Form eines Dialoges zwischen einem Philosophen, das heißt Aristoteliker, und einem Anhänger des Kalam kleidet, vollkommen deutlieh. Der Philosoph führt die Verschiedenheit der Eigenschaften, die wir bei bestimmten Klassen von Gegenständen, z. B. Eisen und Butter wahrnehmen, auf die Grundfaktoren zurück, aus denen jeder körperliche Gegenstand zusammengesetzt ist. Jeder Körper 3 Morel, 73, 10, ar. S. 113a, b; hebr. S. 122a. 4 I, 73, Anfang, ar. S. 105a, beT^r. S. 116a.