Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Judentums im Dialogus des Peter Abaelard
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 398 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Hans Israel LiebescMtz sehen, wie sie auch die Philosophie lehrt, am folgerichtigsten entwickelt hat. Das Judentum hat bei Abaelard seinen Platz als die vorphilosophische Religion der Satzung, die jener Übereinstimmung von Christentum und Philosophie gewissermaßen als Folie zu dienen hat. Abaelard hat diese Anschauung, mit der er im Dialog seine Schriftstellerlaufbahn abschloß, schon früher in seinem Hauptwerk über die christliche Theologie deutlich formuliert31: ״Deshalb“, so führt er dort aus, ״wurde die evangelische Predigt leichter von den Philosophen aufgenommen als von den Juden; denn jene fanden sie sich höchst verwandt und vielleicht nirgendwo abweichend außer etwa in dem, was sieh auf die Geheimnisse der Fleischwerdung oder auf die Auferstehung bezieht. Wenn wir nämlich aufmerksam die sittlichen Gebote des Evangeliums betrachten, werden wir sie als nichts anderes empfinden denn als eine Wiederherstellung des natürlichen Gesetzes, welches die Philosophen bekanntlich befolgt haben, während das mosaische Gesetz sich mehr auf gleichnishafte als auf sittliche Aufträge stützt und eher an äußerer als an innerer Gerechtigkeit reich ist. Das Evangelium dagegen prüft sorgsam Tugend und Laster und wägt alles gemäß der geistigen Gesinnung, wie es auch die Philosophen tun.“ — Diese Anschauung Abaelards von der geschichtlichen Stellung des Judentums stammt unverkennbar aus der Literatur der alten Kirche. Es ist jene Lehre von den Epochen des göttlichen Erziehungsplans, mit der etwa Tertullian und Augustin das Alte Testament in dem Wandel des religiösen Bewußtseins als Offenbarungsurkunde festgehalten haben. Die Paulinische Antithese von dem Gesetz des Alten und dem Geist des Neuen Bundes hatte den Keim abgegeben, aus dem diese Geschichtslehre sich entfaltet hatte. Die Weiterbildung des paulinischen Geistbegriffes konnte nicht von der Tatsache unberührt bleiben, daß die Kirche bei der Verteidigung ihres Existenzrechtes ihre Lehre als die allgemeingültige Wahrheit und als die Erfüllung des vernunftbegabten Menschentums darstellte; denn auf der Gegenseite hatte das Heidentum seine Stellung gerade durch die Überlieferung und die 31 Op. Abaelard, ed. Cousin II, 414.