Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Judentums im Dialogus des Peter Abaelard
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Hans Israel Liebeschütz Andeutungen die Möglichkeit einer Antwort gezeigt, welche die vom Gegner aufgeworfene Schwierigkeit dadurch löst, daß sie das Gesetz für eine national bestimmte religiöse Aufgabe in Anspruch nimmt. Aber die auf den Einwurf des Partikularismus dann wirklieh gegebene Antwort beschränkt sich auf das Quantitative; sie macht den Versuch des Nachweises, daß der Empfängerkreis der jüdischen Gesetzesoffenbarung gar nicht in dem Grade begrenzt gewesen sei, wie es der Philosoph behauptet hat. Damit ist aber das gegnerische Schema einer Entwicklung von partikularer zu allgemein gültiger Norm anerkannt. Der mit Bibelzitaten geführte Gegenbeweis des Philosophen, daß die Tora nur für Menschen bestimmt ist, welche durch ihre Geburt zum Volk Israel gehören oder, ihm als Fremdlinge im jüdischen Lande assimilierbar sind, weist dem Judentum für den Leser endgültig die niedrigere Stufe an22. Der Schiedsrichter des Dialogs vertagt zwar seinen Spruch auf das Ende23, das uns nicht mehr vorliegt oder, wahrscheinlicher, niemals geschrieben wurde; aber die anschließende Auseinander- Setzung zwischen Christ und Philosoph ergibt auch so einiges über die Motive, aus denen heraus Abaelard das Judentum in seiner Untersuchung auf diese Weise eingeordnet hat. Die beiden Gesprächspartner im zweiten Teil des Dialogs erscheinen näher aneinander gerückt: Die Fragestellung, mit welcher der Philosoph hier seinen Anspruch anmeldet, verliert die ausschließende Schärfe, die dem Judentum gegenüber geltend gemacht wurde, weil der Gegensatz von Vernunft- und Gesetzesreligion aufgestellt werden sollte. Christ und Philosoph sprechen im wesentlichen über die Lehre vom höchsten Gut und Übel und kommen dabei über das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens zu weitgehender Übereinstimmung. Beide glauben, daß die sittliche Bildung des Menschen sich erst im Jenseits vollenden kann, wenn der Druck der Not- Wendigkeiten und des Begehrens aufgehört hat. Der Christ erkennt dahei die Auffassung des Philosophen an, daß das Alte Testament keine Verheißung enthält, die auf diese geistige Daseinsform 22 1030 B. 23 1634 D.