Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Judentums im Dialogus des Peter Abaelard
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 3)
- Language
- German
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392 Hans Israel LiebescMtz eigenen Herrscher und sind derart allen Heimsuchungen preis־ gegeben, daß sie fast täglich ein unerträglich hohes Lösegeld für ihr tägliches Leben zu bezahlen haben. Es ist für sie beinahe unmöglich, Äcker, Weinberge oder sonstigen Grundbesitz zu halten, weil niemand da ist, der solches Gut vor offener oder geheimer Anfeindung schützen würde. Daher ist den Juden als Haupterwerb ntir die Geldleihe übrig geblieben; auf diese Weise gewinnen sie von dem Fremden durch Zinsnehmen einen elenden Lebensunterhalt, nicht ohne sich damit noch verhaßter zu machen. Zu dieser Not des Daseins kommen noch die Schwierigkeiten hinzu, die das Gesetz ihnen auferlegt8. Schon das Zeichen der Zugehörigkeit, die Beschneidung der Knaben, ist für das Gefühl der anderen Völker eine Beschämung und ein Schrecken. Die Speisegesetze erschweren den Juden auf alle Weise die Beschaffung von Wein und Fleisch, und der Genuß der leckersten Speisen ist verboten. Die Ordnung des Passahfestes bestimmt vollends die bittersten Kräuter zum Genuß. Alle diese Tatsachen werden zu einem Schluß zusammengefaßt: Wer behaupten würde, daß Gott, für den die Juden alle diese Lasten tragen, sie ohne Aussicht auf Lohn so geknechtet sein ließe, würde damit behaupten, daß Gott ganz und gar grausam ist9. Der Philosoph erkennt die Schilderung der jüdischen Leiden an, aber er deutet sie in entgegengesetztem Sinn10. Wenn man sorgfaltig beobachtet, welche Belohnungen für die Erfüllung des Gesetzes von der Bibel versprochen sind, so sieht man, daß die Juden nur äußere Prosperität erwarten dürfen, also gerade das Gegenteil von dem, was sie ihrer eigenen Aussage nach wirklich geerntet haben. Es ergibt sich daraus, daß die Juden entweder das Gesetz nicht richtig erfüllt haben und sich dadurch seinen Fluch zuzogen, oder daß eben dieses Gesetz in seinen Versprechungen nicht wahrhaft ist11. Diese dialektische Formulierung soll die Juden zu der Erkenntnis führen, daß ihr Gesetz die eigentlich religiösen Werte, wie sie sich der Vernunft enthüllen, nicht enthält und deshalb nicht vertrauenswürdig sei: Es wird, so führt der Philosoph aus, dort nichts von dem, was zum Heile der Seele gehört, als Lohn 8 1618 D. -1620 0 ־ D. — 10 1620 D. — 11 162X A.