Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Judentums im Dialogus des Peter Abaelard
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 391 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung des Judentums im Dialogus des Peter Abaelard 391 wenn der Philosoph wissen möchte, ob Jude und Christ durch Vernunfterwägungen zu ihrem Glauben gekommen sind oder nur durch unselbständiges Nachsprechen von Menschenmeinung und gefühlsmäßiger Bindung an die Vorfahren4. Diese Frage nimmt zuerst der Jude auf, indem er für seine Gemeinschaft antwortet: Es besteht eine Übereinstimmung der Völker darüber, daß das Gesetz, nach dem die Juden leben, ihnen von Gott gegeben ist. Der jüdisehe Gesprächsführer räumt dabei ein, daß die weite Verbreitung dieses Glaubens keinen Beweis darstellt, der auch für einen Ungläubigen zwingend wäre, aber er verficht den Glauben an Gott, den Gesetzgeber als durchaus vernunftgemäß, weil er den Postulaten der Güte und Fürsorge Gottes für die Menschen entspricht5. Wenn man aber annimmt, daß Gott überhaupt mit den Geboten und Strafandrohungen eines geschriebenen Gesetzes in die Erziehung des Menschengeschlechtes eingreift und so seine Leitung der irdischen Geschicke deutlich macht, dann kann, so folgert er weiter, das jüdische Gesetz vor allem die Autorität als echte Verkörperung göttlicher Weltleitung beanspruchen. Denn viele Geschlechterfolgen der Juden haben dieses Gesetz in treuem Gehörsam durch Beispiel und Lehre ihren Nachkommen überliefert, und fast niemand in der Welt hat bezweifelt, daß sie mit solchem Tun Gottes Befehle ausführten6. Wenn der Philosoph einen Vernunftgrund für die religiöse Haltung verlangt hatte, so wird demgegenüber der Standpunkt des Judentums deutlich als gegensätzlich herausgearbeitet. Der höhere Wille, der die Gesetzeserfüllung befiehlt, gilt unbedingt und macht weiteres ]Fragen nach dem Grunde überflüssig. Dem Gegner wird die Beweislast zugeschoben, daß eine Lebensführung aus solchem Glauben heraus widervernünftig sei. Und damit ist unmittelbar eine zweite Betrachtung verbunden, welche die Hoffnung des Judentums auf eine gesegnete Zukunft ausspricht und aus den allgemeinen Voraussetzungen des Gottesglaubens heraus zu beweisen versucht7: Kein Stamm hat so Schweres in Gottes Namen und Auftrag getragen; allein die Juden wurden auf ihrer Pilgerfahrt unter alle Nationen zerstreut, leben ohne 4 1614 C. — 5 1617 A. — 6 1617 A, C. —1617 7׳ D.