Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Gnostische Motive im rabbinischen Schrifttum
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 377 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2830039-2830041-2850795--56059-2851227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Grnostische Motive im rabbinischen Schrifttum 37 7 hast sie nicht gehindert“ (IVEsra 38). ״Besser wäre es“ daher, ,,die Erde hätte Adam nie hervorgebracht“ (IVEsra 7116). Eine eigentliche Klage in der Form der gnostischen ist durch alle diese Sätze nicht ausgesprochen. Sie malen im Grunde bloß die Daseins- Verfassung ,,dieser Welt“, aber enthalten solcherart implizite den Ton der Klage. Die radikale Preisgabe ,,dieser Welt“, die in der gnostischen und apokalyptischen Beklagung des In-die-Welt-Qeborenseins zum Ausdruck kommt, wird in der rabbinischen Literatur nicht vollzogen (vgl. hierzu IST. N. Glatzer, Untersuchungen zur Geschichtslehre der Tannaiten). ״Diese Welt“ ist hier nicht schlechthin das ,,Gefängnis“ der Seele, sondern vielmehr ,, die Vorhalle zur kommenden Welt“ (Abot IV, 21). Aber schon die Schulen Hilleis und Schammais diskutieren die Frage, ob es für den Menschen besser wäre, nicht geboren als geboren zu sein. Das Ergebnis der Diskussion klingt wie eine Kompromißlösung zwischen gnostischer und jüdischer Weltansicht: besser wäre für den Menschen, er wäre nicht geboren. Nun er aber geboren ist, prüfe er seine Taten“ (b. Erub. 13 b; vgl. hierzu Kaminka, a. a.O., S. 34, sowie REJ LXXXII 1926, S. 245). In gleicher Weise spiegelt sich die Berührung mit der Gnosis und zugleich die Abwehr der radikalen gnostischen Weltflucht in dem Satze (Abot IV, 22): ״Besser eine Stunde der Buße und der guten Werke in dieser Welt als das ganze Leben der kommenden Welt. Aber besser eine Stunde der Seligkeit in der kommenden Welt als das ganze Leben dieser Welt.“ In einem im Midr. Tanch. (Pekude § 3) überlieferten Traktat, der das Leben der Seele von ihrer vorgeburtlichen Existenz bis zu ihrer Rückkehr in die himmlische Heimat schildert (vgl. W. Schultz, Dokumente der Gnosis, 4ff., angef. b. Jonas 2792), sträubt sich der Geist (רוח) in den Samen einzugehen: ,,Mir genügt die Welt, in der ich wohnte, vom Tage, da du mich schufst. Warum ist es dein Wille, mich in ihn eingehen zu lassen, da ich doch heilig und rein bin und geschnitten aus dem Stamm deiner Herrlichkeit.“ Gott antwortet dieser typisch gnostischen Klage: ״Die Welt, in die ich dich hineinführe, ist schöner als die, in der du bisher gewohnt hast . . .“