Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Herkunft und Entstehungszeit des Talmudtraktats Tamid
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 14)
- Language
- German
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274 Abraham Weiß Bild zu schaffen von der Entstehung des Traktats Tamid, so kommt man etwa zu folgendem Ergebnis: Die Entstehungsgeschichte des Traktats Tamid nimmt ihren Anfang zur Zeit Abajes. Denn nicht nur das meiste Material rührt von Abaje her, sondern er ist auch der einzige mit Namen genannte Autor, von dem wir eine zusammenhängende Schicht mindestens zu einem Abschnitt haben. Außer Abaje treten ß. Huna und R, Chisda hervor, also Vorsteher des Lehrhauses in Süra, während Abaje Vorstand des Lehrhauses in Pumbadita ist. Nächst Abaje haben wir ferner Rawa, R. Pappa und R. Aschi, oder mit anderen Worten Mechusa, Naresch und Sura. Berücksichtigt man die Tat- Sache, daß Abaje sich auf R. Jehuda aus Sura bezieht, so ist wahrscheinlich, daß das ältere surensische Material, also R. Huna und R. Chisda durch einen Vermittler, vielleicht durch den genannten R. Jehuda aus Sura, nach Pumbadita gekommen ist. Die Etappen der Entstehung sind also: Pumbadita—Mechusa—Naresch—Sura. Abaje hat Tamid gelernt und dieses Lernen ergab die erste Talmudschichte. Diese Schichte enthielt das Abajesche und wahrscheinlich auch schon das alte surensische Material. Auch Rawa, R. Pappa und R. Aschi haben Tamid nebenher behandelt und lieferten einige wenige Zusätze und Ergänzungen. Jedoch im allgemeinen wurde der Traktat Tamid sehr wenig oder überhauptnicht gelernt. Ob diejenigen, die Tamid gelernt, den ganzen Traktat oder nur einzelne Abschnitte bzw. Partien gelernt haben, muß dahin gestellt bleiben. Talmud und Sugia sind wohl literarischer Ausdruck von Lernen, aber nicht jedes Lernen schuf Talmud und zeitigte literarische Früchte. Auf jeden Fall liegt der Grund für die Winzigkeit des in Tamid enthaltenen Materials im Nichtlernen dieses Traktates. Und weil dieser Traktat nicht oder fast nicht gelernt wurde, ist auch dort kein bzw. nur sehr wenig gemaristisches Material aus anderen Quellen aufgenommen und verarbeitet worden. Das sonst im Talmud vorhandene einschlägige Material stammt aus verschiedenen Zeiten und verschiedenen Schulen. Ein Teil dieses Materials ist sicherlich dort genuin, wo es sich gegenwärtig befindet;