Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 21)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 259 sonen oder Gruppen häufig verschieden. Aus diesem Grunde gibt es auch keine einheitliche Kodifikation des gesamten Gesetzes, das für den ganzen Islam verbindliche Kraft hätte. Als der göttlichen Offenbarung gleichwertig muß die mündliehe Tradition im Judentum autoritativ organisiert sein. Nur eine Ansicht gilt als kanonisch, und die Entscheidung liegt in den Händen zentraler Instanzen, die mit großer Macht ausgestattet sind. Die einzelne Persönlichkeit tritt zurück. Moses der Prophet wird zum Prinzip, ebenso wie die Sophrim, deren Namen nicht einmal bekannt sind. Zwischen Esra und den Tannaim, die der Tradition die endgültige Gestalt gegeben haben, liegen in Dunkel gehüllt Jahrhunderte innerer Kämpfe, deren Einzelheiten nicht bekannt sind; bekannt ist nur, was die autoritative Tradition der Aufbewahrung für wert befunden hat. Im Islam ist die mündliche Tradition, die auf Menschen zurückgeführt wird, in gewissem Sinne demokratisch organisiert. Jeder darf tradieren. Abweichende Ansichten können nebeneinander bestehen, und die entscheidenden Instanzen haben nur beschränkte Gewalt. Mohammed, der Gesandte Allahs, auf den letztlieh alle Traditionen zurückgehen, ist eine Persönlichkeit, über dessen Leben in allen seinen Einzelheiten die Tradition selbst berichtet. Auch seine Genossen und die späteren Träger der Tradition sind als Individualitäten bekannt; ihre Namen und ihre Ansichten sind überliefert. Ebenso sind die inneren Kämpfe der beiden entscheidenden Jahrhunderte des Islams vom Lichte der Geschichte erhellt, denn die Tradition selbst hat in großem Umfang auch die Ansichten derer erhalten, die unterlegen sind. VI Bei so starker Abweichung in den Anfängen fällt es um so mehr auf, daß die Entwicklung der Tradition in ihren letzten Ausläufern in beiden Gemeinschaften fast genau den gleichen Weg gegangen ist. Von einem bestimmten Zeitpunkt an ist es nicht mehr gestattet, die Quellen schöpferisch zu erklären, sondern nur noch unter genauer Befolgung der endgültig festgelegten 17*