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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 258

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
Date
1939-01-01
Page
Seite 258 (sequence 20)
Language
German
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258 Gotthold Weil etwa bloß für einen bestimmten Teil der Gemeinschaft. Es ist daher aueh kein Zufall, daß das Judentum einen gemeinsamen Terminus (Tora sehebealpe) für die Gesamtheit dieser mündliehen Tradition besitzt. Da es des weiteren nur eine Quelle für die Summe der Traditionen gibt, nämlich die Offenbarung, ist die Art der Ableitung der einzelnen mündlichen Traditionen unwesentlieh. Eine ohne irgendwelche Ableitung überlieferte Bestimmung (Halacha le-Mosche mi- Sinai) genießt daher dieselbe Anerkennung wie eine mittels der Middot abgeleitete Vorschrift. Wenn aber eine Ableitung vorgenommen wird, dann muß sie natürlich unmittelbar aus dem Text der Bibel als dem geoffenbarten Kanon vorgenommen werden, und diejenigen Personen, die die Ableitung vornehmen, verschwinden vollkommen hinter der Tradition. Im Islam hat die durch die Scharia sanktionierte mündliche Tradition selbstverständlich auch verbindliche Kraft. Da sie jedoch nicht auf göttliche Offenbarung als ihre einzige Quelle zurückgeführt wird, bildet sie auch keine untrennbare Einheit mit dem Koran und tritt nicht gleichwertig neben ihn; sie besteht vielmehr aus einer Fülle einzelner Traditionen. Deswegen gibt es auch keine zusammenfassende Bezeichnung für die Gesamtheit aller Traditionen. Man unterscheidet vielmehr im Islam verschiedene Arten von Traditionen je nach den verschiedenen Quellen, aus denen sie stammen, und zwar analogistische Ableitungen aus dem Koran, alte Bräuche ohne Angabe der Überliefererkette und endlich Hadithe in fester literarischer Form. Da die Traditionen dem geoffenbarten Gotteswort nicht gleichwertig sind, brauchen sie auch nicht unmittelbar aus dem Koran selbst abgeleitet zu werden; es genügt vielmehr, wenn sie auf Handlungen, Aussprüche oder Tatsachen aus dem Leben des Propheten oder sogar eines seiner Genossen zurückgeführt wurden. Daher ist die Persönlichkeit des Überlieferers von Bedeutung und verschwindet nicht hinter der Tradition; seine Glaubwürdigkeit ist vielmehr von ausschlaggebender Bedeutung für die Anerkennung der Tradition. Ja, nach ihrer Güte erhalten die Traditionen sogar verschiedene Prädikate, und diese Prädikate sind je nach der prinzipiellen Einstellung einzelner Per-

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