Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 19)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 257 aber dauert, um so erbitterter ist er, und um so schärfer und prinzipieller wird er geführt. Die mündliche Tradition des Islams, die der Probleme stets durch schnelle Entscheidung Herr wurde, begnügte sich auch bei grundsätzlichen Gegensätzen damit, nur die Oberfläche zu verdecken. Die mündliche Tradition des isolierten und sich immer mehr isolierenden Judentums aber drang in langsamer Beharrlichkeit bis zum Kern des Problems vor und arbeitete dadurch die Differenzen besonders stark hervor. In dieselbe Richtung führte auch noch ein anderes Moment. Der Islam hat die feste Vereinigung von politischer und religiöser Gemeinschaft, als welche er von Mohammed errichtet wurde, in der Theorie nie aufgegeben, obwohl sie eigentlich nur bis zum Tode Mohammeds bestanden hat. Die Scharia hat daher ohne Rücksicht auf die tatsächlich bestehende staatliche und politische Zerrissenheit des Islams stets diese ursprüngliche Zielsetzung des Propheten weiter ausgebaut, und nicht nur eine präzise Norm der religiösen Pflichten aufgestellt, sondern mit derselben Sorgfalt auch alle Fragen der Staatsverfassung und -Verwaltung behandelt. Die mündliche Tradition des Judentums aber, das jeglicher weltlichen Macht beraubt war, mußte sich allein auf die Herausarbeitung der religiös-sittlichen Pflichten konzentrieren und tat das mit besonderer Zähigkeit, weil der religiös-sittliche Kanon das einzige und letzte Bollwerk war, das die Existenz des Volkes garantierte und das daher vor jeder Erschütterung gesichert werden mußte. So stellt die mündliche Tradition im Islam ein zentrales Problem dar, während sie im Judentum zu dem zentralen Problem und zur Lebensfrage wurde. Dem entspricht auch die verschiedene Wertung, die die mündliehe Tradition im Judentum und im Islam erfahren hat, und die verschiedene Autorität, mit der sie umkleidet wurde. Das Judentum betrachtet die mündliche Tradition in ihrer Totalität als gleichwertig der schriftlichen Tora, das heißt, als göttliches, dem Mose am Sinai geoffenbartes Gesetz. Als in sich geschlossenes Ganzes ist diese mündliche Tradition daher, ebenso wie die schriftliche Lehre, für die Gesamtheit des Judentums verbindlich, und nicht 17