Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 18)
- Language
- German
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256 Gottliold Weil einer Katastrophe solchen Ausmaßes gegenüber befunden. Seine beiden ersten entscheidenden Jahrhunderte stellen vielmehr eine glückliche Folge steten guten Gelingens dar; politische Erfolge gegen schwache Gegner führten zur siegreichen Ausbreitung des jungen Islams. Die mündliche Tradition als Spiegel der Reaktion auf diese historischen Ereignisse hat die Ziele der beiden Religionen daher in zum Teil gegensätzlicher Weise formuliert. Während das Judentum zum Schutz der dauernd gefährdeten Existenz immer mehr eine streng ablehnende Haltung gegen alles Fremde einnahm und die Erhaltung der eigenen Art mit aller Schärfe verlangen mußte, konnte der Islam im Gefühl seiner Stärke und seiner gesicherten Existenz gegenüber dem Fremden eine versöhnliche Stellung einnehmen und Geneigtheit zeigen, seine Art der fremden und diese der seinen zu assimilieren. Während das Judentum, um den Jahrhunderte hindurch bedrohten Kern seines Kanons zu sichern, immer neue erschwerende Bestimmungen einführen mußte, wurde im Islam die Stimmung zur Toleranz und die Geneigtheit, in Zweifelsfällen zu erleichtern, immer größer. Träger der mündlichen Tradition im Judentum mußten daher, wenn Volk, Religion und Gesetz erhalten bleiben sollten, charakterfeste Eiferer sein, die den Mut hatten, unerbittlich Entscheidungen zu fällen. Zu Trägern der mündlichen Tradition im Islam eigneten sich dagegen mehr objektiv gerichtete Gelehrte, die kritisch zu untersuchen und zu argumentieren gelernt hatten, oder Opportunisten, die gelegentlich auch Konzessionen zu machen geneigt waren, um Anhänger zu gewinnen oder bereits gewonnene nicht zurückzustoßen. Noch schärfere Kontraste erhielt der verschiedene Grund- Charakter der beiden Traditionen dadurch, daß der Kampf der Auseinandersetzung im Islam auffallend schnell vor sich ging; denn nur zwei Jahrhunderte sind vom Auftreten Mohammeds bis zur Aufrichtung des Gebäudes der Scharia verflossen, während das Judentum, sogar wenn wir erst mit den Tagen Esras zu zählen beginnen, mehr als sechs Jahrhunderte bis zur ersten Niederschrift der mündlichen Tradition gebraucht hat. Je länger der Kampf