Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 17)
- Language
- German
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Di© Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 255 ben, und die Verfasser der maßgebenden Darstellungen des kanonischen Rechts erhoben als Führer bestimmter Rechtsschulen überhaupt nur den Anspruch, für ihre eigenen Schulen Geltung zu haben. Zu einer Kodifikation des kanonischen Rechts als Norm für den gesamten Islam ist es nicht gekommen. V Die Unterschiede in den beiden äußerlich parallelen Entwicklungsreihen, die in den vorangegangenen Abschnitten angedeutet wurden, liegen bis zu einem gewissen Grade schon in den ursprüngliehen Zielsetzungen der Religion begründet. Die Tora verlangt von jedem, daß der zwischen Gott und dem Volke geschlossene Bund in seinem Leben Wirklichkeit werde. Sie stellt daher große Forderungen und macht es den einzelnen nicht leicht. Demgegenüber betont der Koran, obwohl auch er Normen für das Leben des einzelnen aufstellt, nicht in derselben strengen Form die Einhaltung des Gesetzes, ja er sagt ausdrücklich, daß er erleichtern, nicht erschweren wolle. Auch sein ausgesprochenes Ziel, möglichst viel Anhänger zu gewinnen, mußte vor Erschwerungen zurückhalten. Diese ursprünglich schon verschiedene Einstellung der beiden Religionen nahm im Laufe der Zeit eine noch schärfer ausgeprägte Gestalt an. Die grundverschiedene äußere Geschichte, die sie in den entscheidenden Jahrhunderten ihrer Entwicklung durchzumachen hatten, und die völlig andersgestalteten geistigen Kräfte, die sie umgaben und ihren Einfluß auf sie ausübten, führten zu völlig anderen Reaktionen der beiden Religionen. Das Judentum hat in den entscheidenden Jahrhunderten von Esra bis zur Niederschrift der Mischna auch nicht einen Augenblick der Ruhe genossen. Politische Abhängigkeit, stete Bedrohung der Existenz als Volk durch vielfach überlegene äußere Feinde, Angriffe gegen das Prinzip des kanonischen Gesetzes als solches, das heißt gegen die Grundlage der gesamten Religion, und endlich die Vernichtung des Heiligtums stellen zentrale Erschütterungen dar, wie sie andere Gemeinschaften sicherlich nicht überstanden hätten. Im Gegensatz dazu hat sich der Islam in seiner Frühzeit niemals