Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 251 Es war ein Glück für die Entwicklung des Islams, daß diese schweren inneren Kämpfe, die den vorderen Orient mehrere Jahrhunderte nicht zur Ruhe kommen ließen, in eine Zeit der Schwäche der nichtmoslemischen Mächte fielen, so daß das islamische Reich in seinen Grenzen von einem äußeren Feinde nicht ernst bedroht wurde und daher seine Existenz als Ganzes nicht auf dem Spiele stand. Dadurch war dem Islam Zeit und Möglichkeit gegeben, die verschiedenen Kräfte bis zu einem gewissen Grade nebeneinander bestehen zu lassen und die zahlreichen auseinanderstrebenden Strömungen und Parteien immer mehr gegeneinander auszugleichen, das heißt das Haus des Islams allmählich so zu weiten, daß unter seinem breiten Dach alle, die es wollten, Platz fanden. Die Repräsentanten dieser Tendenz, die bei der Ausbildung der den Kanon auslegenden mündlichen Tradition den Ausschlag gegeben hat, sind daher keine religiösen Eiferer und Fanatiker, sondern objektive und vorsichtige Persönlichkeiten, die auch die Gegebenheiten des Lebens in Rechnung zu ziehen verstanden: vor allem der gelehrte und liebevolle Sammler alter Anschauungen und Bräuche aus der arabisch-islamischen Frühzeit und ferner nicht minder der geschickte theologische oder juristische Dialektiker, der bei allem Festhalten an den Sätzen des Korans doch stets die Formel fand, um dem Neuen den Eintritt zu ermöglichen. So entstand allmählich unter Umgestaltung der schlichten koranischen Offenbarungen das komplizierte System des Islams, als Religion, als Staatstheorie, als wissenschaftliches System und als zivilisatorische Lebensform. Nachdem sich in den ersten beiden Jahrhunderten diese geschilderte Richtung entscheidend durchgesetzt hatte und damit die mündliche Tradition zu einem gewissen Abschluß gekommen war, erhielt dieses Gedankengebäude bis zum Ende des dritten Jahrhunderts seine endgültige Gestalt in der ״Scharia“, der Summa aller Pflichten der Musiems, die die offizielle kanonische Interpretation des Korans darstellt und daher dieselbe Anerkennung genießt wie dieser. Der äußere Bau der mündlichen Traditionen ist, sowohl was ihre methodische Ableitung, wie ihre literarische Form betrifft,