Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 12)
- Language
- German
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250 Gotthold Weil Stämme und ihr unerschütterlicher Glaube an die Wahrheit der Offenbarungen des Propheten führt sie zu schnellen Siegen über die altersschwachen, verweichlichten und durch innere Kämpfe zermürbten Völker des byzantinischen und persischen Reiches. Auf diese Weise trugen die arabischen Stämme den eigentlich nur für sie bestimmten Islam-Gedanken in die Welt. Zugleich aber mit diesen Siegen, die in wenigen Jahrzehnten das ungeheuer große islamische Reich schufen, entstand das gewaltige Problem, das Mohammed auch nur zu ahnen nicht imstande gewesen war: die einfachen und unentwickelten Bestimmungen und Anschauungen des Korans, die für die kleine Theokratie der arabischen Halbinsel geschaffen waren, für die großen Verhältnisse geeignet zu machen und den umfassenden Rahmen zu finden, um die zahlreichen Völker und Religionen mit ihren eigenen künstlerischen, wissenschaftlichen und literarischen Kulturen, ihrer alten Verwaltungspraxis, ihren Traditionen und Bräuchen, die nunmehr politisch in dem islamischen Reiche zusammengefaßt waren, für die Dauer zusammenzuhalten und zu einer Einheit zu verbinden. Dieses Problem, das nicht nur ein eng begrenztes religiöses, sondern ebenso sehr auch ein politisches und allgemein kulturelles war, war das entscheidende Problem des ersten Jahrhunderts der Geschichte des Islams. Die Versuche, es zu lösen, sind daher zugleich auch die treibenden Kräfte für die Bildung und Ausgestaltung der mündlichen Tradition, die das koranische Gedankengebäude allmählich zu dem umfassenden und komplexen Begriff ,,Islamcc mit seinen verschiedenen Inhalten ausgestaltet hat. Mit Worten und mit dem Schwerte rangen die verschiedenen Parteien und Gruppen des jungen Islams, um ihren Anschauungen bei dieser entscheidenden Gestaltung des Kanons zum Siege zu verhelfen, Feldherren und Machtpolitiker gegen Vertreter rein religiöser Weltanschauung, beduinische Einfachheit gegen kulturelle Vielgestaltigkeit und Pracht von Byzanz und Persien, koranischer Glaube gegen christliche und persische Lehre oder heidnische Kulte; dazu kam noch die Fülle der nationalen Differenzierungen sowie der Ehrgeiz und Zwist der zahlreichen Stämme und Dynastien.