Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 249 IV Wenn wir uns nunmehr dem Islam und der!Stellung, die die mündliche Tradition in ihm einnimmt, zuwenden, so müssen wir feststellen, daß der Koran in noch weit höherem Maße nach Ausbau und autoritativer Erklärung durch eine mündliche Tradition verlangt als die fünf Bücher Moses. Denn der Koran, als Sammlung aller dem Mohammed zuteil gewordenen Offenbarungen, befaßt sich nur zum geringen Teile, auf jeden Fall in weit geringerem Maße als die Tora, mit gesetzlichen Bestimmungen; er tritt daher auch im Gegensatz zur Tora gar nicht mit dem Anspruch auf, ein Gesetz־ buch zu sein. Dazu kommt, daß im Koran einander Widersprechendes vereinigt ist, da Mohammed während der beiden Perioden seines Auftretens, der früheren in Mekka und der späteren in Medina, seine Einstellung zu religiösen Fragen nicht unerheblich geändert hat. Die Entscheidung vieler Fragen war endlich dadurch noch komplizierter, daß Mohammed nicht bloß als religiöser Reformator des arabischen Pleidentums, sondern zugleich mit dem Anspruch auftrat, die arabischen Stämme zu einigen und sie zu einer neuen, durch Religion geläuterten politischen Organisation zusammenzufassen, deren Haupt er war. Es bedurfte daher sogleich nach dem Tode Mohammeds vieler Auslegungen der koranischen Vor- Schriften, um eine einheitliche zentrale Leitung der jungen arabischen Gemeinschaft und eine einheitliche Übung der religiösen Gebräuche und Pflichten zu garantieren und damit das Werk Mohammeds durch authentische Erklärung seiner Offenbarungen zu sichern. Es ist bekannt, wie viele Parteien und Persönlichkeiten nach seinem Tode mit dem Anspruch auftraten, die einzig legitimen Interpreten seiner Anschauungen, das heißt die einzig berechtigten Träger der an seine Worte anknüpfenden und sie auslegenden mündlichen Tradition, zu sein. Diese Kämpfe um die Festlegung der letzten Ziele des Islams wurden dadurch noch folgenschwerer, als Mohammed befohlen hatte, den neuen Glauben durch Krieg und Schwert zu verbreiten. Die noch unverbrauchte, physische Kraft der an Entbehrungen gewohnten arabischen