Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 247 treten die Schriftgelehrten neben Moses als Bildner des Gesetzes, und Javneh als Symbol neben die Gesetzgebung des Sinai, die nicht historisch zu verstehen ist, sondern zeitlos alles, was jemals kanonische Kraft im Judentum errungen hat, in sich faßt. Denn alle Gebote, die dem Mose am Sinai gegeben wurden, sind ihm nach talmudischer Auffassung mit ihrer Erklärung gegeben worden, das heißt jede anerkannte mündliche Tradition irgendeines späteren Gesetzeslehrers ist wie das am Sinai geoffenbarte Gottes wort zu bewerten. Selbstverständlich konnte nur eine Auslegung der schriftliehen Lehre und nur eine Form der mündlichen Tradition in jedem Falle dieselbe verbindliche und kanonische Kraft wie die schriftliehe Lehre erhalten. Es versteht sich daher von selbst, daß nicht etwa jeder Jude das Recht hatte, mündliche Traditionen, sei es durch Tradierung alter Bräuche oder durch Ableitung neuer aus der Tora zu schaffen und an andere weiter zu tradieren. Traditionen formen und weitergeben durfte vielmehr nur die mit besoliderer Autorität umkleidete Instanz, die als solche von der Gemeinschaft entweder offiziell eingesetzt oder freiwillig anerkannt war. Das große Bet-Din in Jerusalem, das bis zur Zerstörung des zweiten Tempels besondere Befugnisse hatte, sowie das von Javneh sind die bedeutendsten unter diesen Instanzen. Da die autoritative Weiterbildung der schriftlichen Tora ohne derartige Instanzen überhaupt nicht vorgestellt werden konnte, wurden solche durch rückwärtige Projizierung der bestehenden Institutionen auch für die älteren Zeiten angenommen. Sogar von Moses wird überliefert, daß er der Nassi eines von 70 Sekenim gebildeten Bet-Din gewesen sei. Dieselbe Anschauung kommt auch in dem ersten Satz der Pirke Abot zum Ausdruck, der die Reihe der autoritativen Körperschäften nennt, denen die Weitergabe der Tradition anvertraut war. So führt ein direkter und ununterbrochener Weg von Mose über Josua, die Sekenim und Nebiim bis zu den Ansche Haknesset Hagedola, das heißt bis zu den Sophrim, die allesamt als autoritative Körperschaften von Tradenten vorgestellt werden, und weiter über die Sugot bis zu den Tannaim. Wir sind über die Organisation und die Befugnisse dieser In-