Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 6)
- Language
- German
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244 Gotthold Weil und der Verbannung der Besten nach Babel tritt ein Bruch in der Überlieferung ein, wie ihn kaum eine andere Gemeinschaft erlebt hat. Als dann zur Zeit Esras mit dem Wiederaufbau der Gemeinschaft und der Religion in Palästina begonnen wurde, galt es daher vor allem, Bräuche, die in Vergessenheit geraten waren, und altes Traditionsgut zu sammeln. Wir haben nur sehr geringe Kenntnis von der Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft während der Perserherrschaft und können daher nur ahnen, welche Umwälzungen im religiösen Denken durch das Eindringen neuer Anschauungen während des Exils in Babel und durch die von den Persern geförderten Versuche des Wiederaufbaus in Erscheinung traten. Die Schwierigkeiten und Kämpfe, die mit diesem verbunden waren, waren die gestaltenden Kräfte beim Ausbau einer neuen Tradition, die die Vorschriften der Tora zu sichern bestimmt war. Damals schon wurde das Studium des Gesetzes für wichtiger als der Kultus der Opfer angesehen. Die Repräsentanten dieser Epoche sind daher nicht die Priester, sondern die Sophrim, denen die spätere Überlieferung eine ganz besonders starke und selbständige Rolle bei der Ausgestaltung des Gesetzes zuschreibt. In der Zeit der nachfolgenden Herrschaft der Griechen wurde die Notwendigkeit, sich durch Sammlung und Ausgestaltung des Alten auf die eigene Art zu besinnen, besonders dringend. Denn während die Perser der sich neu gestaltenden jüdischen Gemeinschaft wohlwollend und fördernd gegenüberstanden, wurden die Juden in der Zeit der griechischen Herrschaft entweder durch die Lockungen einer hochstehenden Kultur, die den inneren Gehalt und die äußere Form ihrer Religion von Grund aus zu ändern bemüht war, umklammert, oder gar durch den Haß und die Feindschaft mächtiger Herrscher, die sie als Volk und Religion zu vernichten trachteten, in ihrer Existenz bedroht. Durch das Martyrium dieser Jahrhunderte wuchs in der jüdischen Gemeinschaft die Kraft, alles Fremde mit besonderer Entschiedenheit abzulehnen, die Eigenart ihres eigenen Religionsgesetzes und seiner ethischen Grundlagen scharf zu betonen und neue Formen der Frömmigkeit auszubilden, die die Ausübung des Gesetzes garantieren sollten.