Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam 243 die Tradition ihre letzte Formulierung erhalten hat, verschmilzt sie als Zusatz zu dem geoffenbarten Gesetz mit diesem selbst, zu einer Einheit und empfängt dadurch ebenso wie der Kanon unabänderliche Geltung. So zeigt die mündliche Tradition in bezug auf das Ansehen, das sie genießt, ein doppeltes Gesicht. Bei aller Autorität bleibt sie doch immer in gewisser Distanz als etwas Gesondertes neben dem geoffenbarten Kanon bestehen und führt daher auch noch nach ihrer endgültigen Niederschrift die Bezeichnung ,,Mündliche Tradition“ weiter. Andererseits aber genießt sie zum Teil sogar eine höhere Autorität, eben weil sie ja erst den verschiedener Auslegungen fähigen Kanon eindeutig erklärt und ihm, dadurch daß sie mit ihm verschmilzt, erst seinen bestimmten und unabänderliehen Charakter verleiht. Auch diese Entwicklung ist im Judentum und im Islam im wesentlichen dieselbe. So wie im Judentum neben die schriftliche Lehre die mündliche Lehre tritt, die erst sehr spät in der Mischna und anderen Kodifikationen schriftlich fixiert wird, so existieren im Islam neben dem Koran eine ungeheuer große Menge mündlicher Traditionen, die auch erst später in zusammenfassenden Sammlungen des geltenden Rechts und der anerkannten Traditionen endgültig und authentisch zugänglich gemacht wurden. Sammeln und Niederschreiben dieser Traditionen ging im Judentum und Islam vielfach in ähnlicher Weise vor sich; die treibenden Kräfte jedoch, die das Zustandekommen der Traditionen bewirkten, und die Autorität, die den Traditionen selbst und ihren Trägern beigemessen wurde, sind auf beiden Seiten wesentlich verschieden. III Es besteht kein Zweifel, daß viele der mündlichen Traditionen des Judentums in allerälteste Zeit zurückgehen. Denn manche Be- Stimmungen, von denen wir aus anderen Büchern der Bibel wissen, daß sie in Kraft waren, sind in der Tora nicht erwähnt, und viele andere sind nur so allgemein behandelt, daß Erklärungen dazu Vorgelegen haben müssen. Mit der Zerstörung des ersten Tempels 16*