Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
Date
1939-01-01
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2830039-2830041-2850782--55916-2851097
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 Gotthold Weil giösen Kanones, die das Leben ihrer Bekenner verbindlich regeln, bedürfen der Verbesserungen und Ergänzungen, vielleicht sogar noch in viel stärkerem Maße als staatliche Gesetzbücher. Denn gerade in den Kanones, die von Haus aus keine Gesetzbücher im eigentlich juristischen Sinne sein wollen, sind manche wichtige Vorschriften entweder gar nicht behandelt, oder in so wenig präziser Formulierung, daß sie verschiedene Auslegung gestatten. Einerseits also haben die religiösen Kanones als göttliches Gesetz ewige Geltung und können niemals abgeschafft oder ersetzt werden, andererseits aber reichen sie ohne authentische Auslegung und Er־ gänzung nicht aus, um das religiöse Leben der Gemeinschaft ein־ heitlich zu regeln. Es müssen sich daher neben ihm autoritative Traditionen ausbilden, wie der Kanon in seinen letzten Zielen und in seinen einzelnen Bestimmungen zu verstehen ist. Solche Ergän־ zungen festzulegen, ist ungleich schwieriger und verantwortungsvoller als bei weltlichen Gesetzbüchern. Handelt es sich doch hier nicht bloß um die Regelung der Tatsächlichkeiten des Lebens, sondern um die Festlegung der höchsten Pflichten des Menschen, dessen Leben durch die religiöse Norm in seiner Totalität erfaßt werden soll. Außerdem soll in diesen Fällen ja göttliches Recht von Menschen interpretiert, erweitert oder eingeschränkt werden. Die Tendenz, mit der solche Traditionen entstehen und sich aus־ bilden, ist daher charakteristisch für die gesamte Entwicklung der Religion, ja sie bedeutet die Entwicklung der Religion selbst, zumal dann, wenn die Gemeinschaft gezwungen ist, zu großen umwälzen־ den historischen Phänomenen Stellung zu nehmen, die der Prophet, dem die Offenbarung zuteil wurde, vorauszusehen nicht in der Lage war. Diese den Kanon erklärenden Traditionen sind also nicht bloß einfache Interpretationen des Textes, sondern Erklärungen mit bestimmter Tendenz, das heißt Ausgestaltungen, häufig sogar Umgestaltungen des ursprünglichen Kanons. Ihre Ausbildung ist daher stets mit großen religiösen und weltanschaulichen Kämp־ fen verbunden, die viele Generationen andauern; dementsprechend können Jahrhunderte bis zu ihrer endgültigen Festlegung und schriftlichen Fixierung vergehen. In dem Augenblick aber, in dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.