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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 240

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Die Stellung der mündlichen Tradition im Judentum und im Islam
Date
1939-01-01
Page
Seite 240 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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240 Gotthold Weil I Man hat versucht, die Religionen in verschiedene Gruppen einzuteilen. Wie jede Einteilung hat auch diese etwas Gewaltsames, denn jede Religion vereinigt letzten Endes alle Äußerungen der Gebundenheit des Menschen an Gott in sich. Andererseits aber läßt sich in der Tat von letzten Zielen und Ansprüchen der verschiedenen Religionen sprechen. Einige Religionen stellen in erster Linie die Forderung des Glaubens auf und suchen daher vor allem nach einer Klärung des Wesens Gottes und nach einer Möglichkeit der Befreiung des Menschen aus seiner Verstricktheit mit dem Irdischen, während sie den Handlungen des täglichen Lebens ihrer Bekeirner weniger Augenmerk zuwenden. Andere Religionen nehmen diese Trennung des Bezirkes der menschlichen Lebensformen von dem des religiösen Erkennens nicht vor, verschmelzen vielmehr das menschliche Gemeinschaftsleben vollkommen mit dem religiösen und richten dementsprechend ihr Hauptaugenmerk auf die Regelung der Handlungen ihrer Bekenner. Indem sie das Leben des Menschen in seiner Totalität zu normieren bestrebt sind, stellen sie ebenso wie wir es im staatlichen und bürgerlichen Leben gewohnt sind, auch für die Erfüllung der religiös-ethischen Pflichten genaue Vorschriften und Gesetze auf. Als Haupttypus dieser sogenannten Gesetzesreligion wird gewöhnlich das Judentum hingestellt, das, um das von der Tora aufgestellte Ziel der Heiligung des Menschen zu erreichen, dessen ganzes Leben mit verbindlichen religiösen Vorschriften durehdringt. Es ist falsch, mit dieser Einteilung zugleich auch eine Wertung der betreffenden Religionen zu verbinden, denn jede der beiden Formen führt bei einseitiger und übertriebener Betonung einer Seite zu Mißbildungen und Auswüchsen. Der Glaube des Menschen allein ohne Zügelung seiner Handlungen macht ebensowenig selig wie die bloße Erfüllung einer Summe von religiösen Pflichten ohne Beachtung des ihnen zugrunde liegenden letzten religiösen Zieles. Nach dieser Einteilung der Religionen ist der Islam ebenso wie das Judentum der Gruppe der Religionen, die Normen für das

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