Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Minhag im Talmud
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 11)
- Language
- German
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236 Alexander Chittmann Der Sinn der Stelle ist der, daß die Meinung des R. Meir sich in der Praxis durchgesetzt hat, ohne daß eine formelle Dezision zugunsten seiner Lehrmeinung stattgefunden hätte. Der Minhag ersetzt also praktisch die Dezision, wenn er ihr auch sonst nicht gleichzustellen ist. e) Der Minhag kann die Grundlage oder der Ausgangspunkt eines Gesetzes sein und umgekehrt. 1. Pes. 104 a תנאי היא דאטר ר' יוחנן בנן של קדשים אומר אחת ונהגו העם לומר שלוש Hier ist der Volksbrauch einer tannaitischen Meinung als gleichwertig gegenübergestellt. Damit kann der Minhag den Charakter einer Lehrmeinung annehmen. Die Erklärung des Raschbam lautet jedoch: ונהגו העם תגאין שהיו בימיו נחלקו עליו ועושין העם על פיהן und diese Interpretation hat ihre gute Grundlage; denn ebendaselbst ist diese Meinung von Rabbi Oschaja vertreten. 2. Ber. 22 b רב חמא טביל במעלי יומא דפסחא להוציא רבים ידי חובתן ולית הלכתא כותיה Raw Chama hatte also einen eigenen Brauch geübt, zu dem die Gemara bemerkt, daß er nicht als Halacha anerkannt werden könne. Diese Stelle ist ein Beweis für den Einfluß des Beispiels einzelner Gelehrter. Hier findet es die Gemara für nötig, den Sonderbrauch des R. Ch. durch eine Dezision zu entkräften. Doch ist in manchen Fällen gerade der Sonderbrauch einer anerkannten Autorität die Grundlage neuer Praxis wie im folgenden Falle: 3. M.K. 27 b בראשונה היתה הוצאת המת קשה לקרוביו יותר ממיתתו עד שהיו קרוביו מניחין אותו ובורתין עד שבא ר״ג ונהג קלות ראש בעצמו ויצא בכלי פשתן ונהגו העם אחריו לצאת בכלי פשתן אמר רב פפא והאידנא נהוג עלמא בצרדא בר זהא Der Minhag, der auf Grand des Verhaltens des R. Gamliel entstand, wird noch heute allgemein geübt, als ob er Halacha wäre, wird aber beispielsweise sowohl bei Maimonides (Hilchot Awel 4, 1) wie im Sehulchan Aruch (J. D. 352, 1 u. 2) nur als Minhag gebucht. In talmudischer Zeit wurde die Erhebung dieses Minhag zur Halacha unterlassen, der Minhagcharakter wurde also auch in nachtalmudischer Zeit beibehalten.