Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 11)
- Language
- German
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160 Micliael Guttmann seelisch, gleichsam hinter dem Rücken der Sinnesorgane. Die erschauten Bilder mögen sich wohl zum Teil aus Gedächtniseiementen zusammensetzen, gleichwie die Sprache aus Lauten oder Buchstaben, doch ein naturhaft auffangbares Modell haben sie in der gegenständlichen Wirklichkeit so wenig wie der Traum. Und doch wohnt ihnen eine hohe Wirklichkeit inne, über die sich der Prophet nicht hinwegzusetzen vermag und die ihn nicht bloß überzeugt, daß ihm eine göttliche Botschaft zuteil wurde, sondern ihn zwingt, den empfangenen Auftrag zu erfüllen. In der prophetischen Vision ist übrigens der bildhafte Teil zumeist Einleitung oder Begleiterscheinung. Die Bedeutung des Propheten nach außen hin ist im lehrhaften Teil der Vision enthalten. Aus dem gegebenen Tatbestand ergibt sich für die Frage des biblischen Anthropomorphismus, daß er für einen erheblichen Teil der Texte überhaupt nicht besteht, zumindest nicht in der Form, die ihm mittelalterliche Philosophie gegeben hat. Das bekannte Traditionswort א״ר יודן גדול כחן של נביאים שמדמין צורה ליוצרה Gen. r. 27!und sonst, will hier vielleicht nicht nur den Mut, sondern vielmehr die Kraft des Propheten zum Ausdruck bringen, dem es gegeben war, Übersinnliches, die Gottheit selbst, durch bildhafte Vision zu erfassen und zu lehren. Das Prophetenwort hat demnach in Tradition und Gesetz eine doppelte Schranke: Nach innen gerichtet ist das Schauen des Propheten eine übersinnliche Vision, bar aller naturhaften Stofflichkeit, der lichtempfindlichsten Platte unzugänglich. Selbst die vom Propheten entworfene verbale Zeichnung schwebt zwischen gewollter Beschreibung und symbolhafter Darstellung. — Von der andern Seite starrt uns das strenge Verbot entgegen: ,,Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt dessen, was im Himmel oben und was auf Erden unten und was im Wasser unter der Erde ist“ (Ex 20 4). Hiermit ist in kurzen Umrissen die Stellung des talmudischen Schrifttums zum biblischen Anthropomorphismus gegeben, Die Talmudlehrer sahen in den prophetischen Visionen niemals etwas Körperhaftes. Schon die ältesten Midraschim verwahrten sich recht