Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus 159 im Traume die körperlichen Sinnesorgane irgendwelchen schöpferischen Anteil an den bilderreichen Dramen, die an der träumenden Seele vorüberziehen? — Es ist hiermit klar, daß die Bildersprache der Propheten keine körperhafte Wirklichkeit hinter sich hat, nichts, was mittelalterliche Philosophen als גשמיות ansprechen. Eine andere Grundlage mit ähnlichem Ausgang weist der Aufsatz in der Zeitschrift Der Morgen IV, 5, S. 501ff. von Franz Rosenzweig auf. Hier wird aus der Gegenüberstellung von außerbiblischen Anthropomorphismen zu biblischen Visionen gefolgert, daß erstere sich schon ihrer Entstehung nach als wirkliche Anthropomorphismen geben, da ihre Beschreibung von bildhaften Einzelheiten der gegenständlichen Erfahrung entnommen sind. Der Künstler kann sie ohne weiteres erfassen und zur Darstellung bringen. Die Prophetenworte aber haben demgegenüber etwas Visionäres an sich, etwas Transzendentales, das in seiner Ganzheit vom Künstler kaum erfaßt werden kann5. Hier wird also der künstlerische Standpunkt zum Zeugen angerufen, daß die Deskriptionen prophetischer Gesichte im Vergleich zu ihren sogenannten Parallelen in der außerbiblischen Literatur, keine eigentlichen Antliropomorphismen sind. Wir werden es nach alledem leicht einsehen, daß der Kampf um biblische Anthropomorphismen, ob man sie wörtlich oder allegorisch zu fassen habe, nicht immer als Entweder-Oder-Frage zu stellen sei. Wir haben es vielfach mit Prophetenworten zu tun, bei denen es nicht immer angebracht erscheint, dem rein philologischen oder gar vulgär wörtlichen Sinn eine inhaltsfremde Allegorie entgegenzusetzen. Zwischen beiden liegt die mystisch geartete Visionswirklichkeit oder Prophetenschau, die es mit Erscheinungen eigener Art zu tun hat. Ohne hier auf psychischmystische Betrachtungen einzugehen, haben wir es nun einmal bei prophetischen Visionen mit ausnahmemäßigen Erscheinungen zu tun, die an sich transzendent sind, naturwissenschaftlich undeutbar und unfaßbar. Was der Prophet durch Vision erlebt, vollzieht sich 5 Vgl. auch A. Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten Orients, 4. Aufl., Leipzig 1930, S. 9.