Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 8)
- Language
- German
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Ül)er die Stellung des Talmuds 2um Antliropomorpliismus 157 Nun ist im letzten Jahrhundert, besonders in der zweiten Hälfte, der Erforschung der menschlichen Seele besondere Auf״ merksamkeit zugewandt worden. Man hat psychische Tiefen gefunden, von denen man früher kaum mehr als eine dunkle Ahnung hatte. Der Rahmen der alten Psychologie kann nicht mehr alles fassen, was die Forschung um die Menschenseele gefunden und entdeckt hat. Es sind neue Zweige entstanden mit neuen Fachausdrücken. Es erstand für die Seele die Annahme, daß sie für die Aufnähme von Denkinhalten befähigt sei, auch bei Ausschaltung der sinnliehen Reize. Traum, Ekstase und Vision sind Gegenstand ernstlicher Untersuchungen geworden. Es fehlt auch nicht an einem Aufbau oder Wiederaufbau von Systemen, die sich, gestützt auf die neuen Ergebnisse der Seelenforschung, selbständig gemacht haben und Anspruch erheben auf eigene, überlegene Welterklärung. An erster Stelle ist die Mystik zu nennen, die bisher uns als Kommentar, als tiefere Sinngebung galt. Es sind dann zu nennen: Theosophie und die aus ihr hervorgegangene Anthroposophie, das ganze Reich des Okkultismus und schließlich der Spiritismus. Friedrich Niebergall in seinem Buch Im Kampf um den Geist. Von Weltanschauungen und Religionen (München 1927, S. 170—226) nennt die hier aufgezählten Systeme Ersatzreligionen und behandelt sie auch dementsprechend. Erweistauf ihre Schwächen, auf ihre kritischen Punkte hin, um sie als Religionen auszuschalten, als unmöglich zu erklären. Inwiefern eine solche Beurteilung ihre Berechtigung hat, mag dahingestellt bleiben. Für eine Religion kommt es nicht allein auf das Jenseits der Seele an, denn auch die vorhandene Religion hat sich des jenseitigen Weges bedient. Der Weg an sich, die Formen theophanischer Visionen sind bloß Rahmen und Einleitung. Den eisernen Bestand bilden Lehren und Gesetze. Ist man seiner Religion sicher, so kann sie vom Jenseits der Seele her nicht aufgehoben werden. Mit dem Glauben an einen Gott ist auch das Festhalten an einer Ethik, an einer Moral eng verbunden. Mit der Überzeitlichkeit Gottes gellt Hand in Hand die Überzeitlichkeit der sinaitischen Offenbarung, der zehn Gebote, des Gebots der Menschenliebe usw. —