Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 7)
- Language
- German
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156 Michael Guttmann II Allerdings haben mittelalterliche Denker, insbesondere die Aristoteliker, auch das Wort für zu viel gehalten. Wenn nun die HL Schrift dem göttlichen Begriff alle Bildhaftigkeit und jede sinnenfällige Gestalt abspricht, wozu dann der so überaus reiche Gebrauch von Anthropomorphismen? — Derselbe Vorwurf kann auch den Agadisten gemacht werden. Doch stehen diese in einer gewissen Abhängigkeit vom Bibeltext. Die Halacha zeigt nur sehr schwache Berührungspunkte mit dem Anthropomorphismus. Vgl. mein בחינת קיום המצוות, Breslau 1931, S. 35ff., 87f. Als vorläufige Antwort auf diese offene Frage empfiehlt es sich vorerst auf die Tatsache hinzuweisen, daß die mittelalterlichen Philosophen der psychischen Seite dieser Frage viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Die jüdische Tradition hat 10 Ausdrücke zur Bezeichnung der Prophetie bzw. des durch den Propheten geoffenbarten göttlichen Willens (Gen. r.446und die Parallelen beiTheod., Berlin 1912, S. 429). Eine adäquate Übersetzung aller Ausdrücke ist schwer zu geben. Als gesichert kann gelten die Vision חזון, der metaphorische Ausdruck משל! חידה! מליצה in manchen LA חלום der Traum und der Spezialausdruck נבואה ,,Prophetie“. Ein weiterer Ausdruck für den Zustand, in welchem Gott dem Auserwählten seine Botschaften zukommen läßt, ist תרדמה der Tiefschlaf bzw. Lethargie, Apathie (ebd. 4417 S. 438). Als gesichert kann auch die Ekstase gelten. Man vergleiche insbesondere die vor wenigen Jahren (1934) erschienene, von H. G. Enelow in New York herausgegebene Mischna des Rabbi Eliezer משנת רבי אליעזר, die der Tannaitenzeit angehört und einen ganzen Abschnitt der Prophetie widmet (Abschn.6, S. 109—124). Dieses Werk hat Maimonides noch gekannt und benutzt. Es scheinen noch andere Traditionstexte über göttliche Offenbarung und Prophetie vorhanden gewesen zu sein, die aber infolge mittelaiterlicher Verfolgung und Verbrennung jüdischer Schriften verschwunden sind. In Maimonides’ Beschreibung der Offenbarung und Prophetie (Jessode ha-Tora Abschn. 7) wurden sicherlich alte Traditionselemente verarbeitet.