Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 4)
- Language
- German
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Über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus 153 In diesem Text tritt einerseits ein tieferes philosophisches Denken zutage, andererseits zeigt die am Schlüsse aufgezählte Reihe der Literaturen und deren Namensträger: Tora, Nebiim, Ketubim, Chachamim, daß die genannte Interpretationsregel von einem Späfceren angewandt wurde, der die unbequemen Anthropomorphismen in Bibel und Talmud (Chachamin) mit der gleichen Formel hinwegzudeuten versuchte. —Der Talmud selbst bzw. eiiLihm gleichalteriger Midrasch scheint sich niemals des דברה תורה כלשון בני* אדם zur Ausdeutung von anthropomorphistischen Texten bedient zu haben. Man wird daher Bacher beipflichten müssen, wenn er die Ansicht Schmiedls3 *, ,,daß der Grundsatz ,die Tora redet nach der Sprache der Menschen" ursprünglich eben nur in Ansehung der biblischen Anthropomorphismen aufgestellt worden sei“ nicht teilt. Daß Saadja Gaon den Satz in solcher Bedeutung nicht gebraucht, halte ich nicht für schlüssig, denn Saadja ist auch sonst außerordentlieh sparsam im Gebrauch talmudisch-midraschischer Aussprüche. — Neuerdings wurde die Frage von Marmorstein in seiner sehr lehrreichen Arbeit "The Old Rabbinic Doctrin of God5 II, London 1937, S. 118ff. nochmals aufgeworfen. Nach einer entsprechenden Zitatenwahl, aus der hervorgeht, daß die Wendung zumeist von R. Ismael gebraucht wird, der sich gerne des Maschal bedient, nennt er einige Kirchenväter, die in einer gewissen Umschreibung etwas Inhaltsähnliches zu דברה תורה sagen, um damit den Litteralsinn von Anthropomorphismen hinwegzudeuten. Doch darf dieser Formel, in die spätere Denker manches hineinlegten, kein allzu tiefer Sinn beigelegt werden. Für die Abwehr von Anthropomorphismen kommt ihr in talmudischer Zeit keine ernste Bedeutung zu. Abgesehen davon, daß sie in den angeführten Beispielen lediglich zur sprachlichen Aufklärung von Doppelausdrücken und Pleonasmen gebraucht wird, widerstrebt die spätere Auffassung dieser Formel der im Talmud üblichen. Nach letzterer nämlich sind die biblischen Anthropomorphismen Urworte der Propheten. Man vergleiche die häufige, speziell für Anthropomor- 3 Studien über jüdische, insonders ־iüd.-aräb. Keligionsphilosophie, Wien 1869, S. 247.