Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 2)
- Language
- German
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Über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus 151 An einem Einzelbeispiel soll hier gezeigt werden, wie ־unter Zuhilfenahme alttalmudischer Traditionselemente eine theologische Frage zu behandeln ist. I Ich wähle zu diesem Zwecke die Frage des Anthropomorphismus, ein zentrales Problem aller Religionsphilosophie. Am allerwenigsten kann die jüdische Theologie an ihr gleichgültig vorübergehen, da ja die Tora selbst, die sich wohl an zahlreichen Stellen anthropomorphistischer Ausdrücke und Wendungen bedient, sich auch gleichzeitig am schärfsten dagegen verwahrt, daß der Gottheit irgendwelche physische Gestalt beigelegt werde. In einem Abschnitt, der von der sinaitischen Offenbarung handelt, heißt es ausdrücklich (Dt 415): ,,So hütet euch sehr um eurer Seelen willen! Denn ihr saht keinerlei Gestalt an dem Tag, da der Ewige zu euch redete am Horeb mitten aus dem Feuer.‘ ‘ Die Bedeutung dieser Worte ist um so höher anzuschlagen, als sie einleitend dem Verbot des Bilderkultes voraufgehen (ebd. 16—19) und gleichsam besagen wollen, daß auch die Horeb-Theophanie zu keinerlei bildhafter Darstellung führen dürfe. Vergleiche hierzu Bachja ihn Pakudal, 10, der hier ausführlicher spricht. Der Anthropomorphismus ist hier also ausgesprochenermaßen in einem halachischen Komplex verwurzelt, im Verbot des Bilderkultes bzw. des Götzendienstes. Hier hätten die Philosophen sowohl als auch die Halachisten gute Gelegenheit gehabt, etwas tiefer in den Schichten der Agada nachzugraben, um zumindest Andeutungen zu finden, wie man sich angesichts des Bilderverbots zu den zahlreichen anthropomorphistischen Bibeltexten zu stellen habe. Der Gegensatz ist geradezu herausfordernd. Allerdings ist schon frühzeitig eine Formel entdeckt worden, die sich als erste Hilfe sehr gut brauchen ließ, sie lautet דברה תורה בלשון בני אדם und kommt öfters vor (vgl. Ber. 31b und die dort verzeichneten Parallelen). Diese Formel wurde von mittelalterlichen Denkern vielfach gebraucht. Nach Schmiedls und Bachers Fest- Stellung wird sie nachweisbar zuerst zur Ausdeutung anstößiger