Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 150 (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Wort über die Stellung des Talmuds zum Anthropomorphismus Von Michael Guttmann Die in den talmudischen Quellen aufgespeicherte Unmenge von Traditionselementen verschiedenster Art hat in den jüdischen Lehrhäusern der nachtalmudischen Zeit das ganze jüdische Mittelalter hindurch bis zur Epoche Mendelssohns eine recht einseitige Behandlung erfahren. Alles gruppierte sich um die Halacha. Das Religionsgesetz stand im Mittelpunkte des Interesses und verdrängte alles andere, auch religionsgeschichtliche und theologische Materien. Was für die Halacha nicht verwendbar war, hatte nahezu alles Interesse verloren. Die Agada, die zum Sammelplatz alles nichthalachischen Traditionsstoffes geworden ist, hörte auf, Lehrstoff zu sein. In neuerer Zeit hat sich wohl ein Wandel zum Guten vollzogen, aber man ist noch immer nicht so weit, daß man den alten talmudischen Traditionsstoff vom Gesichtspunkte außerhalachischer Disziplinen geordnet und beleuchtet hätte. Am schlimmsten ist es hierbei vielleicht mit der der Halacha eng verwandten Theologie bestellt. Die jüdischen Denker haben sich nämlich in theologischen Eragen schon im Mittelalter vom Talmud nahezu ganz unabhängig gemacht, indem sie sich der griechischen Philosophie bzw. ihren arabischen Bearbeitern zuwandten. Ihre Hingabe an eine fremde Gedankenwelt war so vollständig, daß die einschlägigen alt jüdischen Traditionselemente, zumal sie nur fragmentarisch und schulmäßig unzureichend bearbeitet Vorlagen, nicht zu Wort kamen. Saadja Gaon ging an ihnen nahezu stillschweigend vorüber, Maimonides, der auch für die Agada viel übrig hatte, hat ihr in der Aufbauarbeit seines Systems nur einen verhältnismäßig kleinen Platz zugewiesen. In den meisten Fällen nimmt er bloß apologetisch oder gar nur kritisch auf sie Bezug. Auch Maimonides stand unter dem Banne der griechischen, insbesondere aristotelischen Philo- Sophie.