Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 3)
- Language
- German
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190 Besprechim gen Bösen im Menschen überhaupt ab. Nicht eine Radikalität bezeichnet den Menschen, sondern seine Potentialität. Der Mensch ist nicht gut, der Mensch ist nicht böse, er ist im eminenten Sinne gut und böse mit der Verantwortung seiner Freiheit vor Gott. D׳as grundlegende Gottesverhältnis des Einzelnen ist sein Handeln gegen den Mitmenschen. So wahr es ist, daß der Einzelne die Rechtmäßigkeit seines Gottesverhältnisses nur in der Herstellung der wahren menschlichen Gemeinschaft finden kann, so gewiß ist, daß er für die Ordnung dieser Gemeinschaft mit verantwortlich ist. Das Wort Gottes, dem wir verantwortlich sind, vernehmen wir in den unverkürzten Massen unseres gelebten Lebens. Die Botschaft, die an den Einzelnen von dieser Stunde her, in dieser Situation ergeht, muß er urv beschönigt vernehmen. Was Gott von mir für diese Stunde verlangt, erfahre ich, sofern ich es erfahre, nicht eher als in ihr. Mit meiner Wahl, Ent« Scheidung, Handlung antworte ich, wie unzulänglich auch, dennoch rechtmäßig dem Wort. Diese Verantwortung kann mir niemand abnehmen, auch nicht die Gruppe, der ich angehöre, an deren Heil ich hänge. Gott reicht mir die Situation hin, auf die ich zu antworten habe. In der Entscheidung meines ״Gewissens“, nicht des abgenutzten, sondern des immer neu ent« deckungsbedürftigen Gewissens des ״Fünkleins“ antworte ich als der Ein« zelne, der verantwortlich Lebende. (S. 70.) Auch in seinem Gruppenleberv muß der Mensch dem Einen botmäßig bleiben, der sein Herr ist. Die mensch« liehe Person ist der unverschiebbare zentrale Platz des Kampfes zwischen der Bewegung der Welt von Gott weg und ihrer Bewegung auf Gott hin. Treu dem Einen ist einzig, wer sich gebunden weiß an seinen Standort und ebenda frei ist zur eigenen Verantwortung. ״Nicht anders als aus so Gebundenen und Freien wird ein Gebild entstehen, das wahrhaft Gemein« Schaft genannt werden darf.“ (S. 71.) Zu solcher Verantwortung und solcher Gemeinschaft ruft Buber auf. Nicht Individualismus und nicht Kollektivismus ist der Weg zur wahren Menschheit. Der Einzelne, der seine Verantwortung vor Gott trägt, ent« menget die Menge, bildet das Gestaltlose zum Reich. Mitten in die Diskussion der ethischen und religiösen Probleme unserer Zeit stellt Buber in dieser gehaltvollen Schrift den biblischen Humanitäts« gedanken und grenzt ihn ebensosehr gegen die rationale Autonomie der Vernunft wie gegen die christliche Erbsündenlehre, aber auch gegen die naturalistische Proklamierung des individuellen und des Gruppen«Egoismus ab. Die Eigenart der biblischen Ethik als einer religiösen Ethik und des biblischen Humanitätsgedankens als des religiösen Humanitätsgedankens wird bestimmt herausgehoben. So sehr wir diese Unterscheidungen anerkennen, scheint uns jedoch das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft auf Grund der Bibel bei Buber nicht genügend geklärt zu sein. Mit Recht betont Buber, daß die Liebe zu Gott und der Gehorsam gegen sein Wort die Grundlage jüdischer Frömmigkeit ist, die in der Liebe zum Nächsten zu bewähren ist. Und ebenso sicher ist, daß mit dem Gehorsam gegen dieses Wort Gottes zu« gleich gefordert ist, daß der Einzelne den Wegen Gottes aus eigner Kraft