Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Äthiopier und Juden in der antiken Literatur
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 Hans Lewy siert8 und von den antiken Schriftstellern als die frömmsten und rechtschaffensten Menschen gelobt9. Diese Eigentümlichkeit ihres Volkscharakters erklärt auch ihre Verbindung mit Saturn in der hellenistischen Mythologie. Saturnus oder Kronos10 war ein gerechter Gottkönig der Urzeit, unter dessen Regiment die Menschheit ihre glücklichste Zeit verlebte. Sein Sohn Zeus-Jupiter empörte sich wider ihn und vertrieb ihn aus seinem Wohnsitz auf Kreta. Er mußte bis ans Ende der Welt fliehen. Am bekanntesten ist die Sage von seiner Flucht nach Latium geworden, wo er das von den römischen Dichtern besungene goldene Zeitalter der Saturnia regna begründete* 11. Diese vor allem durch Vergil berühmt gewordene Sagenfassung hat die anderen Varianten verdrängt, wenn auch nicht völlig beseitigt. Die Irrfahrt des Kronos wurde von den Mythographen auf mannigfache Weise ausgestattet. So soll er in Attica Station gemacht haben12 oder von den Spartanern verborgen gehalten worden sein13. Ihre Frömmigkeit sowie die Lage ihres Landes am Ende der Welt machte die Aethiopier in den Augen der antiken Ethnographen besonders geeignet, die Untertanen des flüchtigen Saturn zu werden. Es entstand die Fabel vom gerechten Regiment des Saturn in Aethiopien, die dann durch die römische Fassung überschattet wurde und sich nur in der bei Tacitus überlieferten jüdischen Urgeschichte erhalten hat. Auf gleiche Weise wurden auch 8 Vgl. A. Riese, Die Idealisierung der Naturvölker des Nordens, Gymnasialprogr. Frankfurt a. M. 1875, S. 7, 2. 9 Vgl. z. B. Diodor III 2. Pomponius Mela III 85. Seneca, Hercules furens v. 38—41. Lactantius Placidus ad Stat. Theb. V 427. 10 Über die griechische Herkunft der Kronos״Saturnsage s. Dion. Hai. ant. I 36, 1. Zur Sage selber vgl. Roscher s. v. Saturnus. 11 Die italische Fassung der Sage stammt wohl von Euhemeros und ist in der Überarbeitung des Ennius (p. 223 sq. Vahlen2) erhalten. Die römischen Dichtererzeugnisse sind bei Roscher 1. c. gesammelt. Tacitus stilisiert die Sage übrigens nach dem Vorbild Vergils: Arma lovis fugiens et regnis exsul ademptis (Aen. VIII 320). 12 Tertullian Apologeticum 10, 7. 13 Plutarch (de facie lunae 26, def. oracul. 18) erzählt, daß Kronos von seinem Sohne auf eine wilde Insel, 5 Tagereisen westlich Britannien verbannt wurde. Auch nach dieser Sage lebt Saturn am Rande der Welt, diesmal im fernen Norden, fort.