Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Vom Sein und Sinn Gottes
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 4)
- Language
- German
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6 Max Wiener Ricliter ersichtlich diesem Quell entströmen. Denn wenn es auch keine Erkenntnis des göttlichen Wesens gibt, so scheint doch klar, in welcher Richtung das gesucht werden muß, was der Mensch vom Sinn des göttlichen Seins erwarten darf. Die Deutung Gottes ist die Deutung seiner Vollkommenheit vom Menschen her. Besteht zwischen göttlichem Sein und menschlichen! Sein keine Vergleichbarkeit, so gibt es doch nidit die nämliche Fremdheit zwischen der in dem Höchsten realisierten Vollkommenheit und dem Verstehen, ja, dem Streben des Menschen. Diese Feststellung soll jetzt hier dazu genutzt werden, um die Beziehung zwischen dem Religiösen und dem Ethisehen zu klären, und wir zielen damit auf den für das Judentum besonders charakteristischen Punkt. Es ist gewiß, daß religiöse Haltung wie der Gegenstand, auf den sie sich bezieht, ein eigenes, von praktisch-sittlicher Betätigung durchaus geschiedenes Feld besetzt hält. Es muß aber ebenso zugestanden werden, daß von allen Werten, die wir erleben, keiner in einem so engen Verhältnis zur Religion steht wie der des Guten. Wie erklärt sich das? Ersichtlich so: wir erfahren im innerweltlichen Leben das Sittliche als höchste Stufe in der Leiter der Werte. Einen befriedigenden Sinn kann bewußtes, durch den einsichtigen Willen geleitetes Dasein nur durch jene praktischen Normen empfangen, die uns das moralische Bewußtsein auf zeigt; und der Einzelne erwirbt spezifisch menschliche Würde und Bedeutung lediglich als Träger wie als Zielpunkt solcher Impulse. Wenigstens drückt sich darin die Grundrichtung des biblischen Geistes und der durch ihn erzogenen Menschheit aus. Welche Rangordnung und Einteilung von Werten ausdenkbar sein mag, unser Verständnis von Menschentum und des in ihm repräsentierten Sinnes steht und fällt mit dieser Gewißheit. Wir sind ihrer als des höchsten in unsrer Welt erlebbaren Ideals sicher. Gott ist vollkommenes Sein, in sich die widerspruchsfreie Erfüllung aller Werte in unendlichem Maß enthaltend. Wir wissen nicht, wie sich in ihm Güte, Weisheit, Macht, Schönheit und welche von uns ausdenkbaren und nicht ausdenkbaren Vollkommenheiten es geben mag, vereinigen. Sie alle