Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 18)
- Language
- German
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Beitrag« zur vergleichenden. Sagen.- und Märchenkunde 49 III. Baumseele — Baumgeist. Daß der Baum sich öffnet, und dem Verfolgten Zuflucht bietet, setzt einen Willen, eine Baumseele voraus. Klassisches Altertum, besonders die Stoa, christliches Mittelalter waren durchdrungen von der Vorstellung der ״Sympathie des Alls'" (Stemplinger, Antiker Aberglauben in modernen Ausstrahlungen, S. 17 f.), die Mensch, Tier, Pflanze und Lebloses umfaßt. Die Anschauungen über die vegetative Seele und die Pflanzen« seele beleuchtet Löws Flora IV. 434—437. Noch stärker neigt der Volksglaube zur Vermenschlichung der Pflanze, des Baumes. Mancher Mythos läßt die Menschen aus Bäumen entstehen. Bei Hesiodos 9'Egya nal fjpspai (143 ff.) erschafft Zeus die Men« sehen des fünften Zeitalters aus Eschenbäumen. Penelope scherzt mit dem noch unerkannten Odysseus: 01) yäq ä7to 8q׳uo? loai jtaXaicpdtou 0üSr ajtö jcstqti«; Du entstammst doch wohl nicht, wie in alter Sage (der Urmensch), dem Baum und Felsen? (Od. 19, 163). Eine sprichwörtliche Redensart, die bei Platon wieder« kehrt. In der Voluspa~Sage, zu Beginn, und im Gylfaginning (Cap. 9) wird das erste Menschenpaar durch die Äsen aus zwei Bäumen geschaffen: Der Mann hieß Ask (= Esche), das Weib Embla (= Ulme?). Nebst der griechischen und nordischen Mythologie läßt auch ein weitverbreiteter Volksglauben Men« sehen aus Pflanzen und Bäumen entstanden sein. In Indien, Australien, Melanesien, auf den Salomo«Inseln, auf Ceram, Am« boina, Formosa, Borneo, Nias, in Indonesien, in Zentralamerika u. z. aus Bäumen, Pflanzensamen, Kokosnüssen, Zuckerrohr, Kornähren, Gras. (Die jüngste und reichste Zusammenstellung bei Stith Thompson, Motif«Index of Folk«Litterature, 1932, FFC 106, FS. 152, 154, 155—157). Hieher gehört ja auch der Glaube an Alraune, der in der Aggada an die Lesart דני השדה« (Job. 5, 23) anknüpft: Dieser Feldmensch ist mit seiner Nabelschnur an das Erdreich gebunden; sobald diese Schnur entzweigeschnit« ten, stirbt er (Albrecht, ZATW, 1926, Ginzberg in Schwarz«Fest« schrift, 329—333, Legends, I. 31 f. V. 50, 148). Simon b. Zemach Duran fabelt von einem Baum in Indien, an den eine Frau mit den Haaren angewachsen ist (Löw, Flora, IV. 450). Umso eher konnte man Tiere aus Bäumen erwachsen lassen, wofür das be« kannteste Beispiel die viel umstrittene Baumgans, Bernickelgans, Monatsschrift, 80. Jahrgang4 ־