Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Sokrates in der jüdischen Literatur
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2830015-2830017-2850306--53792-2850333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sokrates in 4er jüdischen Literatur 11 Mendelssohns Verehrer fanden in seinem Charakter sokratische Züge. Viele von Mendelssohns Gesprächen, so bezeugte ein Zeitgenosse, wären sokratischen Denkwürdigkeiten an die Seite zu stellen. In den ״Physiognomischen Fragmenten" ürteilte Lavater über Mendelssohn: ״In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele". Noch bevor Mendelssohn seihen ״Phädon" verfaßt hatte, schrieb ihm der junge Abbt: ״Als ich Ihre Apologie gegen Reimarus las, Ihre demütige und lammsfromme Verteidigung, so, fiel mir die Stelle in Plato ein, wo Sokrates gegen einen polternden Mann ebenso demütig sich entschuldigt"15; Beiden, Sokrates und Mendelssohn, war es gegeben, durch Milde und Humor den aufbrausenden und zu verletzendem Spott sich verwirrenden Gegner zu besänftigen. Beiden eignete die Begabung, Jünger zu belehren und zu erziehen; in beiden war das Streben, die Menschen zur Sittlichkeit und Glückseligkeit zu führen. In allem rationalistischen Denken des Sokrates war ein irrationaler Zug, der z. B. in der Berufung auf) das Daimonion, die Stimme in seinem Inneren; zum Ausdruck kam, so folgte auch Mendelssohn; sonst ein Rationalist, der Stimme seines Herzens, im Festhalten an Glauben und Tradition.; Als Mendelssohn seinen ,;Phädon" schrieb, lieh er von Plato die Form und von den Philosophen seines eigenen Zeitalters die Ideen . Die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele gründete er auf das Wesen der menschlichen Seele und auf den Glauben an Gottes Güte und seine lohnende und strafende Gerechtigkeit. Seinem ,;Phädori" schickte Mendelssohn eine Charakteristik des Sokrates voraus und rühmte die sittliche Größe des griechischen Weisen und sein Pflichtgefühl gegen den Schöpfer und Erhalter der Dinge, den er mit Hilfe der Vernunft erkannt habe. Den philosophischen Eros des Sokrates, seine Liebe zu Älläbiades, nannte Mendelssohn eine ״unnatürliche Galanterie". Auch an dem Daimonion des Sokrates nahm er Anstoß, trotzdem war er weit davon entfernt, die Geistereingebungen des griechischen Philosophen irgendwie zu verspotten. ״Muß denn," schrieb er, ,,ein vortrefflicher Mann notwendig von allen Schwachheiten und Torheiten frei sein?" In scharfen Worten tadelte Mendelssohn die Verspottung des Sokrates durch Aristo- 15: Kayserling, Moses Mendelssohn 481.186. Mendelssohn, Schrift. V 273.