Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1936-01-01 · Heft 1 · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
80 (1936)
Issue
Heft 1
Article
Sokrates in der jüdischen Literatur
Date
1936-01-01
Page
Seite 10 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2830015-2830017-2850306--53791-2850332
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

10 J. Bergmann liehen Wissen“ heißt die Schrift, die Simone Luzzatto, Rabbiner in Venedig, 1651■ verfaßte und dem Dogen sowie dem Rat seiner Vaterstadt widmete. Der Zweck seiner Schrift, erklärte Luzzatto, sei nicht die Verteidigung der trägen und hochmütigen Unwissenheit, die voll Eigendünkel ist und sich auf das Geratewohl richtet, sondern der demütigen, die sich-nicht etwas verwegen anmaßt, das ihr nicht zukommt.“ Sokrates habe wohl das menschliche, aber nicht das von einem höheren Geiste eingegebene Wissen bekämpft. ״Aus dieser Schrift ergibt sich darum, daß wir, die Schwäche unseres angeborenen Verstandes erkennend, den Geboten und dem Zeugnis der heiligen Schriften folgensollen.“ Luzzatto legte seihe eigenen Gedanken Sokrates in den Mund. In Delphi, sb erzählt er in einer Parabel, hatte sich eine Akademie gebildet, die das mensöhliche Wissen klären wollte. An diese Akademie richtete die Verriurift aus dem Kerker, in dem sie von der gläubigen Autorität eingeschlossen Würde; eine Bittschrift und bat, man möge ihr die Freiheit ,wiedergeben. Pythagoras und Aristoteles widersetzten sich der Befreiung der Verhuhft, weil sie fürchteten, die ungezügelte Vernunft könnte Irrtümer verbreiten. Die Akademie aber befreite die Vernüiift, damit das menschliche Wissen durch sie gefördert werden könne. Die ׳Autorität würde abgesetzt; die freigelässerie Vernunft jedoch richtete unter den Menschen" großen Schaden an. Die• Akademiker waren ratlos. Da erhob sich Sokrates und erklärte> daß beide; Vernunft und Autorität; wenn jede von ihnen zur Alleinherrschaft zügelässen werden, Irrtum verbreiten und Schaden bringen könnten, dagegen vereint und einander gegen״ seitig beschränkend, Maß und Harmonie bewirken, so daß der Mensch hinieden ürid im Jenseits sein Ziel erreichen könne14. Wie Simone Luzzatto in seiner Schrift ״Sokrates öder vom menschlichen Wissen“, so legte nach ihm Möses Mendelssohn in seinem Werke ״Phädon oder über die Uhsterblichkeit der Seele“ seihe eigöneh Gedanken Sokrates in de11 Mund. Im ״Phädon“, möinte David Friedlärider, ״redete MoseS, Sokrates aber wurde ihm zum Münde“. 14 Busch, Kalender und Jahrbuch für Israeliten VI 107; Grätz X 3 148.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.