Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Albert Lewkowitz ״״r zur in sich ruhenden Ganzheit, ist das Leben Sichtbarkeit ge*- worden. Anstelle der vitalen Gebundenheit der Sinne ist die Freiheit künstlerischer Gestaltung getreten. Desgleichen emanzipiert sich im Recht, in der Si11- 1 i c h k e i t das Richtige, das Sein-Sollende von der Zweckdienlichkeit des wirtschaftlichen sozialen, politischen Lebens und entfaltet sich zu eigenen Formen der Gestaltung des Lebens. Und so lösen sich in der Religion die Gefühle der Liebe, des Glaubens, der Demut, der Hingabe von den irdischsozialen Gegenständen los und konzentrieren sich gemäß ihrer absoluten Energie zum absoluten Gegenstände, zu Gott. In Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst und Religion schafft der Geist des Menschen Formen, die sich dem Leben souverän gegenüber stellen, es als Material ihrer Formung mit ihrem Sinn erfüllen. Die Zersetzung der Formen ohne Schöpfung neuer Formen ist der Konflikt der modernen Kultur. Begreift so Simmel den fundamental verschiedenen Sinn, in dem Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst und Religion gegründet sind, so daß nicht ein Kulturgebiet gegen das andere ins Treffen geführt werden, aber auch nicht ein Kulturgebiet mit einem anderen etwa zur Einheit einer religiösen Wissenschaft vereinigt werden kann, so erscheint in seiner Philosophie das Reich der Kultur doch nur als souveräne Schöpfung des menschlichen Geistes. Die Selbständigkeit der Kultur ist die Befreiung des Lebens von sich selbst, seine Steigerung in ein selbstgeschaffenes Reich der Idee. Damit aber droht die Kultur zum artistischen Spiel des Geistes zu werden. (Vgl. Lewkowitz: Religiöse Denker der Gegenwart, S. 35 ff.) Hier nun ist es die Bedeutung der von Husserl begründeten Phaenomenologie, das Reich der Werte nicht als Schöpfung, sondern als Gegenstand der intuitiven Erkenntnis des menschlichen Geistes erschlossen zu haben. Damit ist der Geist zum Organ der Wesensschau, der Erkenntnis des Reiches der Werte geworden. Der Mensch ist nicht Schöpfer, sondern Träger, Aktzentrum der Erkenntnis und der Verwirklichung der