Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart 9 zur dynamischen Religion der Liebe zu Gott als des schöpfe״ rischen Grundes der Welt. Enthüllt so Bergson in seinem Werk ״Die beiden Quellen der Moral und der Religion'" den tiefen Gegensatz, der im Men״ sehen zwischen Triebgebundenheit und intuitiver Erkenntnis des Lebens und seines sittlich-religiösen Sinnes besteht, so gibt er dem. religiösen Weltbild eine philosophische Grundlage;n der Anerkennung der schöpferischen Entwicklung des Lebens und der dem Menschen eigenen geistigen Wesenheit. Das religiöse Weltbild übersteigert zwar für Bergson das philosophische Weltbild. Das gefährdet jedoch nicht die mystische Gewißheit der Religion. ״Dennoch erkennen wir an, daß die mystische Erfahrung für sich selbst betrachtet dem Philosophen keine endgültige Gewißheit bringen kann." (S. 245.) Wohl aber haben die Mystiker dem Philosophen angezeigt, woher das Leben kommt und wohin es geht. Auf dem Boden der Lebensphilosophie begreift Georg Simmel in seinem Werk: ״Lebensanschauung. Vier metaphysische Kapitel" das Wesen der menschlichen Kultur als die Wendung des Menschen zur Idee, als die Geistwerdüng des Menschen. Ist dem vital gebundenen, vorwissenschaftlichen Erkennen wahr, was fruchtbar ist, so emanzipiert sich in der Wissenschaft das Erkennen vom Lebenszusammenhange, erkennt der Mensch nicht mehr um zu leben, sondern dient das Leben der Erkenntnis. Aus dem vital gebundenen vorwissenschaftliehen Erkennen erhebt sich die Freiheit wissenschaftlicher Erkenntnis. Im Dienste des Lebenswillens steht das Wahrnehmen. Wir sehen nur, was in unserer Umwelt für uns von Bedeutung ist; genauer: nur das vital Bedeutsame ist unsere Umwelt. Wenn nun anstelle der Begrenzung des Sehens durch unsere Interessen die Wissenschaft den einheitlichen Zusammenhang der Wirklichkeit setzt, so transcendiert das künstlerische Sehen das vital gebundene Sehen in entgegengesetzter Richtung. Im Künstler wird das Sehen autonom. Im Sehen des Künstlers erlangt die Formbestimmtheit des Gegenstandes ihre Selbständigkeit von der Beziehung auf unseren Willen, wird das Gesehene