Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Albert Lewkowitz druck finden. Rosenzweigs gläubiges Denken ist nicht nur ein Gegner der Philosophie, es entwurzelt auch den Glauben des Judentums aus dem Quellreich des Lebens, aus seiner geschieht״ liehen Wirklichkeit und macht das jüdische Volk zum geschichts״ losen Volk des zeitlosen Gottesglaubens, zum Gottesvolk. Über ein Jahrhundert der geschichtlichen Erkenntnis des Judentums führt das gläubige Denken Rosenzweigs zu Samson Ra״ phael Hirsch zurück. Wie wir vor mehr als zwei Jahr״ zehnten gegen den absoluten Rationalismus Cohens Stellung nahmen (vgl. Lewkowitz: Die Religionsphilosophie des Neu״ kantianismus in Zeitschr. für Philos. und philos. Kritik, Bd. 144, Jahrg. 1911), so ist es an der Zeit, gegen einen Irrationalismus Einspruch zu erheben, der die selbständigen rationalen Grund״ lagen wissenschaftlicher Erkenntnis zu erschüttern strebt. Auf dem Boden der mathematischen Naturwissenschaft entstand die Cohensche Philosophie des absoluten Rationalis״ mus, die zur Entgegensetzung von Religion und Philosophie führte. Cassirer und Rosenzweig zogen aus diesem Widerstreit von Wissen und Glauben entgegengesetzte Konsequenzen. Im Gegensatz zu dem an der mathematischen Naturwissenschaft methodisch orientierten Rationalismus hat Henri Bergson die idealistische Philosophie als Philosophie der organischen Naturwissenschaft, als Philosophie der Biologie neu begründet. Nicht die Physik enträtselt ihm die Wirklichkeit, sondern die intuitive Erkenntnis der schöpferischen Entwicklung des Le״ bens ist Grundlage einer Weltanschauung, die die Stellung des Menschen im Kosmos der Wirklichkeit zu klaren unternimmt. So wie das Leben nicht aus. dem Toten, das Orga״ nische nicht aus dem *Anorganischen erklärt werden kann, ist das Höhere nicht aus dem Niederen als Summation zufälliger Variationen abzuleiten, sondern ist das Höhere die unabieitbare Schöpfertat des Lebens. Sind so Pflanze und Tier wesenhaft verschiedene Schöpfungen des Lebens, so ist auch der Mensch nicht bloß das intelligente Tier. Sondern über die biologische Gebundenheit auch des menschlichen Trieblebens und selbst seines sozialen Instinkts erhebt sich in heroischem Enthusias״ mus im Menschen Gefühl und Wille zur Liebe der Menschheit, zur dynamischen Ethik der absoluten Gerechtigkeit und Liebe,