Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Sektenfrömmigkeit der Therapeuten
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Sekfenfrömmigkeit der Therapeuten 113 Thora (vo/ioäeata), erklärt er, erscheint ihnen einem lebenden Wesen gleich; die Vorschriften in ihrem Wortsinne entsprechen seinem Leibe, der unsichtbar im Worte verborgene Sinn der Seele1; in ihm sucht unsere denkende Seele recht eigentlich das ihr Gemäße zu erschauen; im Spiegelbilde der Worte erblickt sie die hohe Schönheit der Gedanken, entfaltet die Symbole usw. (§ 78). Das klingt so, als hätten die Therapeuten den Inhalt der Gesetze in der Weise vergeistet, wie die von Philon Migr. Abr. 86 ff. getadelten radikalen Allegoristen. Davon kann keine Rede sein: sie haben nicht der Zahl Sieben gehuldigt, sondern den Sabbat buchstäblich gehalten, und zwar in ähnlichen gottesdienstlichen Formen2 wie ihre Zeitgenossen in Palästina; Philon überträgt auf ihre tiefsinnige Schrifterklärung nach seiner Gepflogenheit das ihm vertraute Schema der Allegoristik3. Daß sie die Bibel recht selbständig interpretierten, zeigt uns ihre Auffassung von Lev 234; überdies sprechen die Analogien altjüdischer Mystik dafür, daß sie ihre Visionen und Überlieferungen in biblische Texte, zuma] in die ersten Kapitel der Genesis und in prophetische Theophanien, hineingedeutet haben. Sehr schwierig ist natürlich, etwas über den Inhalt ihrer Visionen und daher ihrer Lehren auszumachen. Antike Mystiker pflegen fremden Besuchern ihre Geheimnisse nicht zu offenbaren; und auch was Philon etwa wußte, gibt er gewiß, dem Stil der antiken Lobrede zufolge, nur mit Auswahl wieder, überdies, wie wir sahen, übertragen aus der Sprache lebendiger Frömmigkeit in die einer popularphilosophischen Ersatzreligion für Großstadtmenschen. Nach dem erwähnten § 12 schwärmen die Therapeuten wie die Bakchanten, bis sie ,,das Ersehnte" schauen. Im allgemeinen 1 Der Sohar III, 152 a (übersetzt bei D. H. Joel, Die B-eligions- Philosophie des Sohar 78 f.) führt das Bild noch etwas weiter und unterscheidet zwischen Kleid (= Wortsinn), Körper (= Ethik), Seele ( my• stischer Sinn). 2 Auf die gemeinjüdischen Züge komme ich in der B.E zu sprechen. 3 Auch der Ausdruck xa oixsia fl-eajpsTv beruht auf Übertragung einer beliebten griechischen Wendung; vgl. über das Sehnen der Seele nach Erkenntnis des Verwandten; Heinemann Poseidonios’ met. Sehr. I 72 f. 4 S. 0. S. 105 f. Monatsschrift, 78. Jahrgang 8