Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Sektenfrömmigkeit der Therapeuten
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 9)
- Language
- German
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112 I. Heinemann Prophetie darstellt1 2, so werden die Apokalyptiker ihn noch höher geschätzt haben.. — In der Tat kannten die Therapeuten neben diesen Traum Visionen auch solche in wachem Zustande: ,,entrückt2 f von himmlischer Liebe, schwärmen sie, der Gottheit voll, wie die Bakchanten und Korybanten, bis sie das Ersehnte schauen“ (§ 12). Solche Visionen sind es also,., welche die Therapeuten durch ihre Lebenshaltung herbeizuführen suchten. Aber die Visionen bildeten nicht die einzige Quelle für den Glauben der Therapeuten. Ihr Leben wechselte zwischen isolierter Betrachtung und Gemeinschaftskult, in welchem der Gemeinbesitz der Schule gepflegt wurde. Denn ,,sie haben auch Schriften von Männern der Vorzeit, die ihre Sekte (afipeats) gestiftet haben . . .; diese nehmen sie sich zu Mustern“ (§ 29). Also dasselbe Nebeneinander persönlicher Ekstatik und gläubiger ,,Übernahme“ alter oder doch angeblich alter Lehren, wie es die Geschichte der mystischen Strömungen durchzieht und im Judentum schon bei den Essäern3 und, wie wir sahen, den Hechalotmystikern4 vorliegt. Außer Visionen und mystischen Schriften galt den Therapeuten auch die Bibel als Erkenntnis quelle in ihren drei Teilen: ,,Gesetz, Propheten und Hymnen“, wie Philon § 25 sie nennt. Die Versenkung der Therapeuten in diese Schriften berechtigt uns aber natürlich nicht, sie (mit Wendland) als ,,Schriftgelehrte“ im Sinne der Tannaim zu bezeichnen. Auf ein Schriftverständnis, wie diese es suchten, arbeitet man nicht hin durch ,,Trennung von der Gemeinde“, durch Ehelosigkeit und durch Versagung des Weines auch am Feiertag; man pflegt es, wie nicht nur einzelne Aussprüche, sondern weit anschaulicher das ganze rabbinische Schrifttum zeigt, höchst selten durch Einzelstudium, lieber durch Zusammenarbeit von Lehrer und Jünger, Freund und Freund. In der Tat läßt uns Philon erkennen, daß die Schrifterklärung der Therapeuten eigener Art war; freilich ist auch hier aus seinen Worten nur mit Vorsicht aus den Tatbestand zu schließen. Die 1 Die talmudischen Zeugnisse bespricht zuletzt Wochenmark, Die Schicksalsidee im Judentum (1933) 77 ff. 2 *«(>7ca38iv-£s: Reitzenstein, Hell. Mysterienreligionen3 369; 415. 3 Philon Quod omnis probus 1. 29; Jos. Bellum IT, 136. 4 Vgl. über das Zusammenwirken von persönlicher Ekstase und gemeinschaftlichem Kult im Chassidismus Buber, Legende des Baal Schein 16.