Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Tierschätzung im Bibelwörterbuch
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 13)
- Language
- German
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Tierschätzung im Bibelwörterhuch 53 1. Der Mensch sieht im Tiere ein geheimnisvolles, zuweilen magisches totemistisches Wesen, demgegenüber er Scheu, Furcht, auch Anbetung empfindet. 2. Der Mensch überhebt sich über das Tier, quält und verachtet es. 3. Der Mensch erkennt im Tier das lebende, fühlende, verwandte Wesen, erhebt sich zu Verständnis und Mitgefühl. Auf welcher Stufe steht nun Bibel und altes Judentum? Ein Satz wie ,,Der Gerechte weiß, wie es seinem Tiere zumute ist“ (Prov 1210) weist auf die Stufe des Verständnisses und Mitgefühles hin. Schopenhauer (,,Grundlage der Moral § 19, 7) lehrt, das Tier habe Willen wie der Mensch, nur die Vernunft, das minderwertige Lebensprinzip gehe ihm ab. Dagegen schreibt Judentum und Griechentum dem Tiere Vernunft, ja sogar Sittlichkeit, selbst sittliche Verantwortung zu1. Bezeichnend der Midrasch-Spruch ולא תאמר בבני אדם אלא אפילו בחיה ובבהמה כתן בהם הקכ״ה חכמה. Nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Wild und Vieh hat Gott Weisheit verliehen (Tanchuma 4 ויקהל). Vollkommen im Sinne Schopenhauers mahnt der Midrasch vor Vernunftsdünkel und Übermut: גם במדעך מלך אל תקלל (קהלת י׳ כ') א״ר יהודה בר׳ סימון, אומד הקב״ה לאדם: בשביל שנתתי לך מדע יותר מן הבהמה ומן החיה ומן העופות אתה מחרף ומנדף לפני? עשיתי לך בינים ולה בינים, לך אזנים ולה אזנים, לך ידים ולה ידים, לך רגלים ולה רגלים, לך פה ולר; פה. Mit der Vernunft, die du vor Vieh, Wild und Vogel voraus hast, lästere nicht Gott. Dir habe ich Augen geschaffen, ihnen auch Augen; dir Ohren, ihnen Ohren; dir Hände,: ihnen Hände; dir Füße, ihnen Füße; dir Mund, ihnen Mund (Koheleth R. X, 20, minder vollständig Lev. R. XXXII, 2). Beachten wir in dieser Kette besonders ein Glied: לך ידים ולה ידים dir Hände und dem Tier Hände. Hier läßt sich Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit nicht annehmen. Vorder- und Hinterfüße gleicherweise mit רגלים zu bezeichnen, wäre bequemer als ידים von רגלים zu unterscheiden. Hierüber bietet uns Bocharts Hierozoicon höchst beachtenswerte Belehrung. Er geht von den biblischen Worten 1 Über die sittliche Verantwortlichkeit des Tieres s. den auf Schlußreichen Abschnitt ,,Tierhölle und Tierhimmel“ in Boltes ,,Quellenstudien zu Georg Bollenhagen“ (Sitzungsb. Berlin, Phil. Hist. Kl. 1929 XXXI. 15—24), mit zahlreichen Hinweisen auch auf Jüdisches und Islamisches und mit Benützung auch von Aptowitzers The rewarding and punishing of animals in HUCA III, 139, Cincinnati 1926.