Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Schlußwort
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 19)
- Language
- German
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36 Michael Guttmann kannte Formel allgemeiner Menschenliebe gepreßt hat, und als greifbarster Zeuge gegen oft versuchte Herabsetzung der jüdischen Ethik dasteht, zog von jeher die Aufmerksamkeit der Apologeten auf sich. Man versuchte in verschiedenster Weise, der Lehre Hillels den Stempel der Minderwertigkeit aufzudrücken. Klausner bleibt hinter diesen christlichen Apologeten nicht zurück (302 ff.). Hillel zieht auch bei ihm den kürzeren: ״Hillel kennt ebensowenig־ wie der Pentateuch und wie die Schrift״ gelehrtenr Pharisäer und Rabbinen seit Esra bis auf den heutigen Tag einen Unterschied zwischen Religion und Ethik oder zwischen׳ Theorie und Praxis.... Derselbe Hillel, der das Prinzip: ״Was dir verhaßt ist, tu deinem Nächsten nicht anl“ ins wirkliche Volksleben einführte, hat auch die ״sieben hermeneutischen Regeln“ aufgestellt, die den Grundstein für das ganze pharisäische Judentum bilden“ (303). Auch hier schwebt Klausner in der Luft, weil ihm die rationale Grundlage für eine vergleichskritische Herabsetzung Hillels fehlt. Der abstrakte, auf Ethik allein eingeschränkte Jesustyp ist viel zu fragmentarisch, um einem Lehrer oder Vertreter realen Religionslebens gegenübergestellt zu werden. Ein kirchlich konkretisierter Jesustyp aber rechtfertigt die Schlußfolgerungen Klausners erst recht nicht: Hillel und Jesus würden sich wohl darin treffen, daß sie beide im Gebot der Nächstenliebe etwas Axiomatisches sahen, etwas Interhumanes, das alle Menschen eint und verbindet. Worin soll nun aber die Minderwertigkeit Hillels bestehen? Etwa darin, daß er außer und neben der goldenen Regel auch noch andere Gebotsinhalte gelehrt hat? — Hat nicht auch der konkret erfaßte Jesus Anderes und recht viel Anderes gelehrt? Und hat nicht auch das Christentum bis auf den heutigen Tag auf Jesus zurückgeführte Lehrgebäude, die neben der Nächstenliebe noch sehr viel andere Bestimmungen enthalten? Oder ist Klausner je einer lebenswirklichen Religion begegnet, deren Katechismus nichts anderes enthielte als die goldene Regel? Diese Einzelheit läßt wiederum deutlich hervortreten, daß der m o d e r n e Antinomismus als Bewegung für sich zu beurteilen sei. Die Gegensatzbildung von ״Gesetz" und Ethik ist eine apologetische Konstruktion, die Klausner in voller Verkennung ihrer E i n s eit i g k e i t als ״objektiven" Maßstab übernimmt und mit; welcher er sich ins Fahrwasser der־ gegne-