Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Schlußwort
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 15)
- Language
- German
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32 Michael Guttmann schiedene Funktionen zu unterscheiden habe: Soweit Jesus als Lehrer wirkt, ist das, was er sagt, auf menschliches Tun und Lassen zugeschnitten, daher auch seine humanitär orientierte Ethik. Sofern er aber in eigener Persönlichkeit und eigener Sache spricht, ist er Gottessohn bzw. Gott selbst, und Gott steht über allem Kreatürlichen, so auch über der kreatürlich formulierten Ethik. Ein Mensch muß in seinem Tun und Lassen begreiflich sein, Gott nicht 1־ — Für diesen Erklärungstyp hat man auch in der jüdischen Bibel seine guten Parallelen: Gott verbietet die Rache (Lv 19!8); Er selbst übt Rache und Ver״ geltung (Dt 3235)L Den Begriff göttlicher Rache und Vergeltung hat Jesus keineswegs aufgehoben. Sie besteht in vollstem Maße auch für ihn. Er spricht von Hölle und ewigen Strafen. Der Stadt Kapernaum ruft er zu: ״Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden.... Es wird der Sodomer Lande erträglieber gehen am jüngsten Gericht als dir' (Mt 1123-2׳«). Der un~ bußfertigen Stadt Thyatira ruft der Sohn Gottes harte Strafen zu und dehnt sie auch auf die unschuldigen Kinder aus {Offenb. 218-23). — All diese und viele andere Stellen entziehen sich nach kirchlichem Standpunkt rein menschlicher Beurteilung, sie werden in die Theodicee verwiesen. Diese Lösungsmethode ermöglicht es am leichtesten, eine rein humanitäre Ethik aus den Worten Jesu abzuleiten, ohne diese ״Worte" erschöpfend heranziehen zu müssen. Sie hat auch den Vorzug, vom Geiste der neutestamentlichen Schriften voll und ganz gedeckt zu sein. Die hier zur Herrschaft gelangte paulinische Glaubenslehre bekennt sich restlos zu einem g ö 11 ״ liehen Jesus; danach richtet sich auch die autoritative Kirche. Selbst ein Harnack wäre kaum in der Lage gewesen, in seinem ״Wesen des Christentums" die Ethik Jesu auf so klarem Gold״ grund zu zeichnen, wenn er nicht, entgegen seinem sonst recht weit gehenden Liberalismus vor der Gottessohnschaft Jesu die Schranke aufgezogen hätte: ״Hier hat alle Forschung stille zu halten" (S.,81). 2, Der Typus des radikalen Rationalismus ist z. B. in Ed. v. Hartmann vertreten. Durch Verschmelzung aller ״Worte 1 Wie man den Rachebegriff im Hinblick auf Gott zu verstehen habe, vgl. mein ״Das Judentum und seine Umwelt“. Ir 3. 350 ff.