Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Begriff und Aufgabe der jüdischen Theologie
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 4)
- Language
- German
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6 Max Wiener Hier scheint sich alsbald das Problem der Authentizität göttlicher Rede bzw. des kanonischen Charakters heiliger Urkünden zu erheben. Das ist gewiß; aber wir müssen gerade hier bei der Beschreibung der Grundlage des theologischen Denkens aufs genaueste darauf achten, daß nicht Gläubigkeit mit ,,Rechtgläubigkeit" verwechselt werde. Im Judentum wie überhaupt in der gestifteten, der historischen Religion sind sicherlich angenommene Höhepunkte in der Selbstdarreichung Gottes an. die Menschen für ihren Glauben und dessen Gehalt von׳ dauernd richtunggebender Kraft. Aber ein anderes ist die Überzeugung hiervon, ein anderes die sozusagen historisch-philologisch fixierte Gläubigkeit, die eine bestimmte urkundenmäßig festgelegte Be- Schreibung des Drum und Dran der Offenbarung zum heiligen nicht zu entwurzelnden Gegenstand des religiösen Glaubens,, ja zu seiner Grundlage selber macht. Das Buch, das Gottes Wort enthält, ist nicht notwendig identisch mit Gottes Wort. Und alle jetzt einsetzende Schwierigkeit des Auswählens: und Sonderns, alle Last des Findens und VerWerfens, alle damit gegebene Problematik des ,,Echten" und ,,Unechten" — all das mag praktisch, mag insbesondere für die Konstituierung der religiösen Gemeinde, wenn sie auf ein heiliges Buch vereidigt wird, die verwickeltsten Konsequenzen haben; es kann aber den: hier umgrenzten Begriff der Gläubigkeit nicht aus: den Angeln heben. Denn die Frage, die zuerst bereinigt werden muß und um die es sich für uns hier allein handelt, steht ihrer logischen Dignität und auch ihrer theologischen Priorität nach oberhalb derjenigen von liberal und orthodox, wenn mit diesen Worten die charakteristische Haltung zweier Richtungen zur Heiligen Schrift und der Überlieferung gekennzeichnet werden darf. Dem gehen wir nicht weiter nach., Daran aber ist festzuhalten, daß die, die sich überhaupt zu einer positiven gestifteten, im bestimmten Zeitpunkte der Menschengeschichte ans Licht getretenen Religion bekennen, in der theologischen Reflexion Gepräge und Gehalt dieses Glaubens in sich aufnehmen. In der Erörterung, die in den Jahrgängen 1926 und 27 dieser Zeitschrift (Bd. 70 und 71) über ״die Dogmenfrage im Judentum stattgefunden hat, ist unter den verschiedensten Gesichtspunkten die Schwierigkeit, wenn nicht. Unmöglichkeit (L. Baeck, Bd. 70,