Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Begriff und Aufgabe der jüdischen Theologie
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829991-2829993-2849745--51731-2849781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Begriff und Aufgabe der jüdischen Theologie 5 Daß dieser Tatbestand wieder einmal deutlich herausgestellt wird, macht die sogenannte dialektische Theologie auch für uns Juden interessant. Denn abgesehen von allem, was sie sonst lehrt, so enthüllt sie die religiöse Urtatsache, daß menschliches Denken von Gott als auf ein wesenhaft unerreichbares, jenseits aller Gegensätzlichkeit von Subjekt und Objekt liegendes Ziel gehend, sich nicht etwelch anderer Erkenntnisbemühung eingliedern kann. Alle menschliche, also auch theologische Besinnung prallt vor der Schranke zurück, daß Gott für den Menschen der Unfindbare ist, wenn er sich nicht selbst darbietet, offenbart. Der so entstehende dialektische Prozeß lenkt auch unser Augenmerk auf die aller Offenbarungsreligion konstitutiv eigene Grundschwierigkeit: Gott, der Urgegebene, vom Menschen durch sich selbst in seinem eigentlichen Sein nicht zu Entdeckende, gibt sich ihm in seiner Offenbarung. Dieser Haltung liegt, wie uns scheint, die gleiche Einsicht zugrunde, wie sie in dem r e I i - g i ö s e n Motiv sich birgt, das zur Aufstellung der Lehre von den negativen Attributen geführt hat. Würde man unsere klassischen Religionsphilosophen auf die religiösen Impulse ihres Systems so genau untersuchen, wie man es in der Regel in Rücksicht auf die philosophisch-spekulativen Beweggründe hin tut, so dürfte es klar werden, daß der Rationalismus selbst eines Maimuni das autochthon Religiöse keineswegs zerstört, sondern es höchstens verhüllt hat. Geht so alle Theologie, wenn sie den einzigartigen Sinn ihres Gegenstandes bewahren will, von dem Faktum der Offenbarung aus, das sie vorfindet, dessen Realität sie nicht beweisen kann, noch zu beweisen braucht, so besteht ihre eigentliche Aufgabe darin, za interpretieren, was die autoritären Träger der göttliehen Mitteilung unter dieser Mitteilung verstanden haben. Mitten im religiösen Leben Stellung nehmend, betrachtet sie es weder als ihres Amtes, die Berechtigung des Glaubens an eine Offenbarung zu demonstrieren, noch steht es ihr an, die Verpflichtung zu solchem Glauben plausibel zu machen. Sie ist weder spekulative Metaphysik mit Gott und seiner Beziehung zum Menschen als Gegenstand, noch Religionspädagogik. Vielmehr geht sie von der für sie vorausgesetzten Tatsache aus, daß der wirkliche Gott zum Menschen spricht und gesprochen hat.