Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Frummet Meisel
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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Frummet Meisel 75 äufgehalteii hat. Und dann kann man neben einem Menschen jahrzehntelang wohnen, ohne daß man Einblick in sein Familienleben erhält und über die lösliche Pein etwas erfährt. Auch schon darum nicht, weil es gewiß nicht jedermanns Sache ist, seine Ehe- Unstimmigkeiten der Öffentlichkeit preiszügeben. Das ist übrigens auch Sache des Taktes. Und wir müssen schon Meisel und auch Frummet diesen Takt zumuten. Neben diesen Anschuldigungen des Anonymus, an dessen Wahrhaftigkeit nicht einen Augenblick zu zweifeln ist, waren es noch zwei Indizien, die mich zu meinen Darlegungen veranlaßt haben und mich heute in dem Glauben an ihre Richtigkeit sogar bestärken. Einmal das magere Erbe, die Buchspende. Gewiß wird Meisel dieses Buch hoch, sehr hoch eingesöhätzt haben. Aber konnte ein solches die alleinstehende Frau, die Witwe, für den materiellen Entfall Voll und ganz entschädigen? Man braucht gar nicht materiell zu denken, um sich sagen zu müssen, von einem Gebetbüche allein —- und mag es dem Erblasser noch so kostbar gewesen sein — kann eine Frau ihren Lebehsunterhalt nicht bestreiten1. Ein weiteres Indiz für meine Ansicht bot mir die Tatsache, daß auf dem Grabsteine Frummet Meiseis die Angabe fehlt, daß sie die Frau Mordekaj Meisels. war.. Angesichts dieses nicht hinwegzuleugnenden Tatsachenmaterials mußte , ich mir die Frage vorlegen: wie ist also dieser merkwürdige Vorfall, dieses Faktum, 'von dem uns der Anonymus erzählt, zu erklären, was ist da vorgegangen? Natürlich lag es mit Rücksicht auf den großen .Altersunterschied der beiden Ehegatten nahe, an sittliche. Verfehlungen zu denken. Wenn ich mir dies auch bei einer Frau, die als gottesfürchtig geschildert wird, nicht vorstellen konnte, und darum abgewiesen 1 Es verschlägt hierbei nichts, daß Frummet eigenes Vermögen hatte. Denn wir kennen es nicht und wissen nicht, ob es so groß gewesen, daß es zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes ausgereicht hätte. Aber abgesehen davon, es handelt sich um das Erbe eines Mannes, der kinderlos war, dem doch also die angetraute Gattin am nächsten stehen sollte. Und man denke auch an die seelische Kränkung, die aber Meisel gewiß: vermieden hätte, wenn er nicht gewichtige Gründe für sie gehabt hätte. Auch überschaue man nicht,: daß ja die Verwaridten trotz der ,auch ihnen zugedachten Buchspendeii, überdies noch ein großes Verihögen erben‘sollten.