Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 1
Article
Über Judas Ischariotes in der jüdischen Legende
Date
1932-01-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2829132-2829983-2829985-2849607--50955-2849669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

*Über Judas Ischariotes in der jüdischen Legende 35 hindurch auch eine Legendenüberlieferung über Judas zumindest im Occident nicht nachzuweisen ist. Nun aber stammen die bekannten Tholdoth-Fassungen aus Europa, ein persisches kleines Bruchstück hat kaum etwas Wesentliches an sich, das Bruchstück aus der Geniza, welches Ginzberg eingehend untersucht hat, wollen wir noch ins Auge fassen. Talmud und Midrasch kennen garnicht den Namen des Judas Ischariotes noch seine Rolle. Wenn nun nach Jahrhunderten dieser Namen und diese Gestalt auftaucht, scheint mir all das, was Juden über Judas erzählen aus zwei Quellen zu fließen: 1. Aus der Polemik: Es sollte dem widersprochen werden, was Sage und Glaube der Christen von Judas erzählt, 2. aus dem Folklore: Märchen- und Sagenhaftes, Gemeingut aller Volksvorstellungen, kam der Gestalt Judasangeflogen. I. Der Widerspruch gegen die christliche Anschauung. Religionsdisputationen und Glaubensverfolgungen reizten die Juden zum Widerspruch. Es galt eine Umwertung der Werte, d. h. die Wertungen wurden einfach auf den Kopf gestellt. Die Kirche verherrlicht Jesus und die Apostel, verdammt Judas als habgierigen Verräter, der um 30 Silberlinge Jesus den Häschern in־ die Hände spielt, und, sogar von den Juden verstoßen, sich schließlich selbst entleibt (als Vorbild dieser Sagenbildung ist Achitofel, der selbstmörderische Verräter Davids, längst erkannt). In der jüdischen Trutzdichtung wurden nun Jesus und die Apostel verunglimpft, Judas gerechtfertigt. Das Judentum steht mit diesem Vorgehen nicht allein. ״Bekanntlich gab es Häresien, die eben die verrufenen Gestalten der biblischen Geschichte zum Gegenstände der Verehrung machten'f (Krauß S. 269). Bei den Kainiten gelangten derart Kain, die Sodomiter, Esau, Korach zu Ehren, vorzüglich Judas: Böse Mächte wollen den Tod Jesus hintertreiben, um die Menschheit des Heiles verlustig gehen zu lassen, da verrät Judas den Jesus und erzwingt die Seligkeit der Menschheit1. Die Tholdoth-Jeschu-Schreiber haben gewiß niemals von den Kainiten noch von dem Evangelium nach Judas Ischariotes 1 Hennecke, Neutestamentl. Apokryphen, Tübingen 1924 S. 68,124. 3’

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.