Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die höheren jüdischen Schulen Deutschlands
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 12)
- Language
- German
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59 V. Hamburger Schulen. a). Talmud Tora-Schule, Hamburg. ״Nur ein Jahr trennt die Gründung des Philanthropins von der der nächstfolgenden Anstalt, die unter größeren Sorgen und Anstrengungen, doch, endlich mit ähnlichem Erfolge das Jahrhundert (ihres Bestandes) überdauern sollte“, — begann ich meine seinerzeitige Darstellung der Hamburger Talmud Tora-Realschule. Wie dort mitgeteilt, bezog sie 1911 ihr vor dem Dammtor gesund gelegenes, geschmackvoll eingerichtetes, neues Heim (Grindelhof 30) und wiewohl die zerstörenden Wirkungen des Weltkrieges bloß durch die größten Anstrengungen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, sowie des damals begründeten ,,Vereines der Freunde zur Förderung der Talmud Tora-Schule“ parallelisiert werden konnten, rüstet sie eben in diesem Jahre, unter günstigeren Vorzeichen ihr 125 jähriges Stiftungsfest zu feiern. Ihr sorgenloser Bestand ist, des Wirtschaftliehen Tiefstandes ungeachtet, durch die hochherzige Anteilnahme von Stadt und Staat Hamburg sichergestellt. Dieses Stadtwesen, das für kulturelle Zwecke einen eigenen Fond frei hat, erteilte nämlich im Jahre 1923 zum erstenmale auch der Talmud Tora-Realschule — deren Verdienste um die Volksbildung es anerkannte — eine Jahres- Unterstützung von Rm. 100 000, welcher Betrag damals 80% der Lehrergehälter deckte. Heute sind es Rm. 127 000 (65% der Personalausgaben), während der Gemeindezuschuß etwa Rm. 75 000 beträgt und der Eingang an Schulgeldern Rm. 40—50 000. Aber nicht nur in materieller Beziehung kann sich die Talmud Tora-Schule — wie obige Zahlen zeigen — ziemlich frei und unabhängig.fühlen, auch juristisch hat sie im hundertjährigen Autonomiestreit (s. im geschichtlichen Teil meiner seinerzeitigen Darstellung!) ihre verhältnismäßige Selbständigkeit gewahrt. Laut der Schul- Verfassung besteht der Vorstand der Talmud Tora-Stiftung י—. als der eigentliche Rechtsträger — aus dem Vorsitzenden, der von der Gemeinde gestellt wird, aus dem Oberrabbiner des Deutschisraelitischen (konservativen) Synagogen-Verbandes, aus dem Direktor und zwei vom Lehrerkollegium gewählten Lehrern, sowie aus 6—9, ebenfalls von dem Gemeindeparlament entsendeten Mitgliedern. In die pädagogisch-religiöse Leitung der Schule hat aber die Gemeinde in jüngerer Zeit niemals mehr eingegriffen. Nachfolger des unvergeßlichen ״ersten“ Direktors Josef Goldschmidt ist seit 1928 der ganz jugendliche A. Spier, unter dessen Direktorat Ostern 1929 mit Eröffnung der O II der erste Schritt zum Ausbau einer Oberrealschule — mit fakultativem Lateinunterricht — erfolgte. Im Sinne des Reichsschulgesetzes wurde an die vierkiassige Grundschule, in die die ehemalige Vorschule umgewandelt war, jetzt ein ebenfalls vierklassiger Oberbau der Volksschule angegliedert, vom Lehrkörper mit Freude begrüßt. ״Ein Uebelstand, der mehr als ein halbes Jahrhundert bestanden hatte, daß die Realschule in der Entfaltung ihrer Kräfte; durch völlig ungeeignete Schüler gehemmt war, diese aber wiederum auf der höheren Lehranstalt niemals die rechte Vorbereitung fürs Leben finden kohnteh, war damit endgültig behoben.“ Dem Raummangel abzuhelfen, wurde 1929 das benachbarte Grund-