Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die höheren jüdischen Schulen Deutschlands
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 2)
- Language
- German
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49 zweier Kollegen ünd einer Anzahl von meinen Abiturienten des Budapester jüdischen Gymnasiums habe ich im Läufe des vorigen Sommers fast alle persönlich aufgesucht, mit ihren Leitern und Lehrern Rücksprache genommen und will nun versuchen — soweit es der uns knapp zugemessene Raum erlaubt — ein Bild ihres heutigen Zustandes in Kürze, zu entwerfen. Vor allem können wir nicht mehr von 7 Realschulen sprechen, weder was ihre Zahl, noch was ihren Charakter anbelangt. Zwei Anstalten, und zwar eben die ältesten, bestbegründeten haben als jüdische Schulen aufgehört zu sein. Sowohl die Samson-, als die Jacobsohn-Schule waren durch die Not des Nachkrieges gezwungen, ihre Vergangenheit und Tradition zu verleugnen, ihre Gebäude und Einrichtungen dem Braunschweigischen Staate zu übergeben. In dem prachtvollen Wolfenbütteier Schulbau, den die Samsonstiftung kurz vor dem Kriege für Schule und Internat errichtet hatte, ist eine staatliche Oberrealschule eingezogen; die Lehrer wurden entlassen, der alte Direktor hat in der neuen Jacobson-Schule Unterkunft gefunden, den übrigen werden jetzt 50 Prozent ihres Ruhegehaltes — auf 2' Jahre! versprochen. Nach privaten Mitteilungen sind von Seite der Berliner jüdischen Gemeinde Unterhandlungen eingeleitet worden, um wenigstens das Gebäude für jüdische Zwecke zu erhalten: man spricht von einem Landeserziehungs- oder einem Psychopathen-־ heim. — Die Seesener Schule, die von Anfang an die Simultanerziehung als ihr Ideal anerkannt und in Praxis ausgeführt hat, hat dieses ihr Prinzip auch weiter beibehalten. In dem 1925/26er Jahresberichte der an ihre Stelle tretenden Oberrealschule i. E. heißt es: ,,Die Jacobson-Schule hatte schon längst ihren jüdischen Charakter verloren, war aus einer Internatsschule eine Stadtschule geworden, deren Schüler zu 2/3 Evangelische waren und aus Seesen und seinen Nachbargemeinden stammten. Das Stiftungskuratorium entschloß sich ־— wohl schweren Herzens — am 15. Dezember 1921 den Uebernahmekontrakt mit dem Freistaat Braunschweig ‘ abzuschließen/‘ Im Vertrag wurde bedungen, daß 1. die Schule weiter eine Simultanschule bleibt, in der Christen und Juden gleiche* Rechte besitzen und z. B. der jüdische Religionsunterricht — unter Aufsicht des Kuratoriums — vom Staate zu erhalten ist, im Titel der Schule aber auf ewige Zeiten ,,ehemals Jacobson-Schulef‘ enthalten sein muß; 2. bei der Wahl des Direktors und des Alümneumvaters steht der Stiftungsbehörde das Vorschlagsrecht zu; 3. letztere besetzt fünf Alumnatfreiplätze, 4. unter den Lehrern sollen• immer zwei Juden sein. Derzeit leitet noch der alte, verdienstvolle Direktor, Oberstudiendirektor Dr. N. F r i edlan d, die Schule; sie zeigt noch als Museum den interessanten Jacobson-Tempel mit historischer Uhr und Orgel1, aber jüdisches Leben suchen wir vergebens: in dem Städtchen. So verschwinden denii zwei einst vorzügliche, vornehme Er- Ziehungsanstalten, die auf eine nahe 150- bzw. 125-jährige Ver- 1 Durch Vermittlung.von Rabbiner Dr. Enelow N. Y. erhielt die Jacobson- Stiftung aus dem Lucius N- Littauer-Fond der amerikanischen Rabbiner 500 § zur Instandsetzung der Orgel, nachdem, aus derselben Stiftung vor Jahresfrist 1200 $ zur Wiederherstellung des Tempelbaues angewiesen worden waren. Monatsschrift. 75י Jahrgang. 4