Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die höheren jüdischen Schulen Deutschlands
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 1)
- Language
- German
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48 Die höheren jüdischen Schulen Deutschlands. Von Dr. A. Fürst in Budapest. Knapp nach Kriegsbeginn habe ich in dieser Zeitschrift1 zwei Artikel über ״Die jüdischen Realschulen Deutschlands" veröffentlicht, in der ich auf Grund der Jahres- und Jubelberichte, sowie ergänzender Privatauskünfte eine zusammenfassende Uebersicht über Vergangenheit und Gegenwart der damals bestehenden jüdischen Schulen mittleren Grades bot. Es gab zu jener Zeit deren sieben, die ich in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entstehung einzeln behandelte. Als älteste erschien die im Todesjahre Mendelssohns 1786 begründete Samsonschule in Wolfenbüttel, die im Geiste des ebendort entstandenen ,,Nathan" eine Vorkämpferin der frühen Aufklärung wurde, gleich ihrer Schwesteranstalt, der Jacobsonschule im benachbarten Seesen im Harz, die beide seit Jahren ihre eigenen Alumnate hatten. Am Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden fast in einem Jahre zwei neue Stätten jüdischer Bildung, und zwar nunmehr in den Mittelpunkten seinerzeitigen (und jetzigen) jüdischen Lebens: in Frankfurt a. M. und Hamburg. Die eine erwuchs aus dem Kreise der Rothschilds mit ,,philanthropischen" Tendenzen (im Basedowschen Sinne) und macht noch heute dem Namen ,,P h i 1 a n - thropin" alle Ehre; die andere am Ufer der Alster wollte ausgesprochen Armenschule sein und ihre Zöglinge der traditionellen Lehre zuführen. Sie nennt sich weiter Talmud Tora-Schule. Fünfzig Jahre verstreichen, bis S. R. Hirsch mit dem Losungsworte der religiösen Erneuerung die zweite Frankfurter höhere Schule ins Leben ruft, die seit ihrem vorjährigen 75. Stiftungsfeste den Namen ihres Gründers: S. R. Hirsch-Schule trägt. Einige Jahre später folgt Fürth in Bayern diesem Beispiel, um mit bescheidenen Mitteln eine bescheidene Isr. Realschule des bayrischen konservativen* Judentums zu errichten. Und wieder dauert es 50 Jahre, bis sich in Leipzig, diesem vorgeschobenen Lagerplatz ostjüdischer Massen, infolge günstigen Zusammentreffens von geistigen und materiellen Kräften am Anfang dieses Jahrhunderts die Möglichkeit ergab, eine Höhere Isr. Schule zu erbauen, die in raschem Aufschwung einer schönen Entwicklung entgegensah. Alle sieben Schulen verfolgten dazumal kleinbürgerliche Tendenzen, bereiteten nicht für die Universität, sondern für das kaufmännische Leben vor; in ihren jüdischen Zielstreckungen aber vertraten sie das ganze Spektrum aller in Deutschland bestehenden Richtungen und Schattierungen des Judentums. Wie ich mich seinerzeit ausdrückte: sie glichen den 7 Lampen der Menorah, die doch alle nach einer Richtung hin leuchteten. Sechzehn' Jahre sind seither verflossen —■ eine Ewigkeit an weltbewegenden Begebenheiten, die auch das Judentum nicht un~ berührt gelassen haben. Also ziemt es sich wohl auf das alte Thema von neuem zurückzukommen: wie haben diese stillen Stätten der Lehre den Stürmen des Weltkrieges standgehalten, wie passen sie sich heute dem geänderten Welt- und Zeitgeist an? In Gesellschaft 1 MGWJ, Jahrg. 1914, Heft 1—10, auch im Bonderabdruck.