Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Einige neuere Erscheinungen zum biblischen, besonders zum prophetischen Schrifttum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 ist ein plausibler Gedanke, dessen Konsequenz sich um so wirksamer erweist, je verwickelter einmal im Fortschreiten der Kultusgeschichte der Opferbetrieb wird und je mehr andererseits die Zusammenfassung ursprünglich getrennter Traditionen eine Verschmelzung ihrer besonderen Motive wahrscheinlich macht. So werden als einzelne Fäden die Bedeutungen des Opfers als Nahrung, als Versöhnung Gottes, als Gemeinschaft mit ihm, als Askese, als Leistung usw. herausgelöst. Diese Forschung scheint nach rückwärts keine Grenze zu haben, und so tastet sie sich in primitive vorgeschichtliche Stadien zurück, in Stufen, die wie der ,,religiöse Kannibalismus“ irgendeinen Gefühls- Zusammenhang mit aktuell geübten Bräuchen nicht mehr haben. Wenn freilich W. glaubt, hierin eine prähistorische Vorstufe für den ״Bann“ zu sehen, der über einzelne Menschen, über ganze Städte oder die Kriegsbeute verhängt wird, andererseits aber das Bannen im subjektiven Bewußtsein Israels als eine gerechte Bestrafung des Feindes und damit als eine Befriedigung des göttlichen Zornes betrachtet wird, so werden hier so weit voneinander abstehende Antriebe zusammengebracht, daß der eine als Vorgeschichte des andern kaum einleuchtet. Der Verfasser betont die eudämonistische Grundläge der Opferidee, gesteht allerdings gewisse Ausnahmen zu, so vor allem das Angebot des Mose, als ein Sühnopfer für •die Schuld seines Volkes zu fallen, ebenso wie der Knecht Jhws in Selbstopferung für sein sündiges Volks leidet und stirbt. Allerdings stände die Haltung beider hoch über der Volksfrömmigkeit. Dagegen ist zu erwägen, daß das Motiv der Askese, das mit Recht als vollwertig neben andern herausgehoben wird und wahrscheinlich eine viel stärkere Betonung verdient, sich nicht zwanglos in eine rein eudämonistische Motivation einreihen läßt. Man möchte vielmehr gerade ihm, dem ja nicht bloß eine selbständige von den andern abzusondernde Bedeutung zukommt, sondern das doch sicher als Moment in den Motiven der Gabe und der Leistung für die Gottheit mitwirbt, den Sinn zuschreiben, die freie Hingebung des Menschen ohne den Gedanken des Beeinflussenwollens auszudrücken. Zumal es nicht einzusehen ist, wie sich über der Opferreligion, deren Riten sich, je längei, desto mehr, verfestigten, eine Religion des Gebetes und gläubiger Freiheit hätte erheben können, wenn nicht solche Kräfte schon stark beim alten Ritus im Spiel gewesen wären. Israel Rabins ״Studien zur vormosaischen Gottesvorstellung (1. Abschn. Untersuchung der entwicklungsgeschichtlichen Grundlagen)“, Breslau, M. & H. Marcus, 1929, lenken die Aufmerksamkeit auf eine der merkwürdigsten geistesgeschichtlichen Verwicklungen, die sich auf dem Schauplatz der Religionswissenschaft vollzieht. Stellt die Eigenart der religiösen Idee in der ,,Offenbarung“ eine Wirklichkeit heraus, die im Vergleich zu allen sonstigen Realitäts- Sphären sich als Vollkommenheit schlechthin darbietet und den Versuch einer entwicklungsgeschichtlichen Ableitung wesensmäßig ablehnt, so erweckt das Bild der empirischen Forschung im Gebiet der israelitisch-jüdischen Religion den geradezu entgegengesetzten Eindruck. Wie um die religiöse Idee der Religion, die gerade am Offenbarungsgedanken der Bibel erwachsen und zu weltweiter Wirksamkeit gelangt ist, ad absurdum zu führen, konnte die alttestament-